Bolivianische Randnotiz, San José de Chiquitos, 22.10.2012

Die Geigen von San José

Die Geigen von San José

„Die Violine ist mein Leben.“ Deshalb spielt die dreizehnjährige Adelaí fast jede freie Minute auf ihr. Das heißt: Jeden Morgen zwei Stunden. Dann folgen die Hausaufgaben fürs Colegio, das sie nachmittags in der zweiten Schicht besucht. Aber wenn sie danach noch Zeit hat, dann greift sie wieder zur Geige. Und abends gehts täglich in die Musikklasse. Freiwillig und sehr zum Stolz ihrer Familie. „Seit zweieinhalb Jahre komme ich hier in die Musikschule. Mir gefällt die alte Musik, die wir hier spielen. Diese Barockmusik hat viel mit uns selbst zu tun, anders als die moderne Popmusik beispielsweise. Sie drückt meine Gefühle aus und sie repräsentiert alles, was ich bin. Diese Musik gehört zur Tradition unseres Volkes…“ Und dann fügt sie noch leise hinzu: „…und ein Volk ohne Geschichte hat keine Zukunft.“

Der Jesuitenstaat

Die Missionskirche von San José de Chiquitos

Die Missionskirche von San José de Chiquitos

Die Geschichte ihres Volkes kennt heute im Zeitalter der indigenen Rückbesinnung nicht nur Adelaí, sondern die meisten Chiquitanos im Departamento Santa Cruz. In europäischen Geschichtsbüchern dagegen ist kaum eine Zeile zu finden:

Ende des 17. Jahrhunderts, als die spanischen Kolonialherren die rohstoffreichen Andengebiete Südamerikas längst mit Schwert, Gewehr und Gebetbuch erobert und die Ureinwohner versklavt oder ermordet hatten, waren die Kämpfer und Missionare in die Urwaldregionen des tropischen Tieflandes noch nicht flächendeckend vorgedrungen. Genau dort und bis weit hinein bis ins heutige Brasilien und Paraguay entstanden ab dem 17. Jahrhunderte mehr als einhundert Reduktionen (vom spanischen Wort reducir – zusammenführen), die später unter dem Begriff „Jesuitenstaat“ zusammengefasst wurden. Diese Missionsgebiete boten den Menschen nicht nur ein Leben in Frieden und Freiheit, sondern vor allem Schutz vor den Überfällen der Sklavenjäger und der Ausbeutung durch die Kolonialherren.

San José de Chiquitos

„Alle Dörfer haben jetzt ihre Orgel, viele Geigen und Baßgeigen aus Zedernholz, Clavicordia, Spinette, Harfen, Trompeten, Schalmeien. Diese Indianerknaben sind ausgemachte Musikanten; sie statten alle Tage in den heiligen Messen mit ihrem Singen und Musizieren dem Herrgott das schuldige Dankeslob ab. Ich darf behaupten, dass sie mit ihrer Musik in jeder Stadt und Kirche zu eurer großen Verwunderung erscheinen könnten.“ schrieb der Schweizer Jesuit, Missionar, Baumeister und Musiker Martin Schmid in einem Brief im Jahr 1744. Die Mönche nutzten die Tatsache, dass die Chiquitos sich von der mitgebrachten europäischen Barockmusik faszinieren ließen. So konnten die Jesuiten die Menschen, die bis dahin als Nomaden gelebt hatten, zu einem nach jesuitischem Verständnis christlichen, bürgerlichen und künstlerischen Leben zu bekehren. Ohne Schwert. Ohne Zwang. Und auch ohne Ausbeutung.

Ein Zipfelchen vom Paradies

San José de Chiquitos

Eine Runde um die Plaza von San José de Chiquitos

Nach fast vierstündiger Autofahrt haben wir am frühen Abend das subtropische Dschungelstädtchen San José de Chiquitos (11.000 Einw.) erreicht. Wir, das sind Max Steiner, der Schweizer Präsident des Bolivianischen Jugendherbergswerks, Ricardo, ein ehemaliger Voluntario, der sozusagen als Assistent mitreist, um während der stundenlangen Fahrten durch die Einsamkeit im Falle von Autopannen mitanzupacken. Und ich, die Gringa aus Alemana. Das Thermometer zeigt 41 Grad Celsius. Es ist Frühling in der bolivianischen Sierra.

Seitdem ich vor acht Jahren das erste Mal die Chiquitania bereisen konnte, ist mir diese unendliche Weite der mal flachen, mal sanfthügeligen Landschaft nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Die Milliarden von Schmetterlingen. Die Schwärme von Papageien. Und das Geschrei der Affen. Die riesigen, vollhängenden Mangobäume. Die Bananenstauden. Die farbenfrohen Dörfer. Vorallem aber die freundlichen Menschen. Und ihre Musik.

Die Chiquitania

Die Chiquitania

„Wenn es auf Erden irgendwo ein kleines Stückchen Paradies gibt, dann hier,“ war mir damals durch den Kopf geschossen. Mit fruchtbaren Böden und tropischen Früchte, die den Menschen hier fast in den Mund zu wachsen scheinen. Allein der krasse Kontrast zur ruppigen Kargheit des Bolivianischen Andenhochlands wirkt unweigerlich paradiesisch. Ein Paradies nicht ohne Brüche und Verwerfungen: Die tiefe Armut auf der einen Seite und der unendlich scheinende Wohlstand weniger spanischstämmiger Großgrundbesitzer war auch für meinen noch wenig geschärften Blick unübersehbar.

Jetzt, acht Jahre später, habe ich endlich die Gelegenheit, in einer 1500km-Runde die sieben wichtigsten und seit 1990 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützten Reduktionen ausführlicher kennenzulernen. Wer diese „große Runde“ fahren will, braucht erfahrene Begleiter, denn es gibt keine vororganisierten Reisepakete. Noch nicht.

Auf einen Kaffee beim Padre

Der Padre von San José mit seinen Brüdern und der Autorin

Obwohl völlig unangemeldet, ist der Empfang im Pfarrhaus von San José herzlich. Der aus Österreich stammende Franziskanermönch Hubert Fleidl stellt sofort eine Plastikkanne mit angekochtem Wasser, dazu löslichen Kaffee, Beuteltee, Kekse auf den Tisch. Dann bittet er uns Platz zu nehmen. Es dauert einige Minuten, bis er sich in seinem österreichischen Deutsch warm geredet hat. Seit 1957 lebt der heute 81-igjährige hier in San José. „Unterdessen ist die Globalisierung also auch hier eingedrungen: Vor fünfzig Jahren war das Leben hier noch geprägt durch Armut. Es gab kaum Milch noch Mehl und die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht. Die Eisenbahnstrecke nach Brasilien wurde damals gerade erst fertig gestellt. Es gab keine Strassen. Aber man lebte glücklich in jener Zeit,“ erzählt der Padre im Rückblick.

Musiklehrer in San José

Musiklehrer in San José

„San José hat die einzige aus Stein gebaute Jesuitenkirche, die vollständig erhalten ist. Es gab auch einige in Paraguay und in Brasilien, aber die sind verfallen. Das ist der große Wert von San José. Unsere Leute hier sind nicht abgewandert und haben alles in dörflicher Gemeinschaftsarbeit erhalten.“ Als die Jesuiten auf Anweisung der Spanischen Krone im Jahr 1767 vom südamerikanischen Kontinent verjagt wurden, behielten die seßhaft gewordenen Missionsbewohner, also die Vorfahren der heute dreizehnjährigen Adelaí, ihre neue Lebensweise bei.

Missionierung mit Geige und Cello

„Es ist doch interessant, dass immer gesagt wird, die Eroberer hätten die Schätze des Landes geraubt, usw,“ möchte Pater Hubert das Bild der grausamen Kolonialisierung etwas zurechtrücken: „Sie haben doch auch einen ungeheuren geistlichen Schatz gebracht: Die Kenntnis des lebendigen Gottes! Und diese Kenntnis wurde weiter gelebt, auch als die Jesuiten schon längst verjagt worden waren. Im Volk hat sich diese christliche Kultur hier besser erhalten als drüben in Europa.“ Auch als sich spanische Viehzüchter nach und nach das tropische Tiefland zu eigen machten, hielten die Chiquitanos an der christlichen Lehre fest, beteten, pflegten ihre Musik, ihre Handwerkskünste, so wie sie es gelernt hatten und wurden gleichzeitig zu Knechten der neuen Großgrundbesitzer.

Der Heilige Michael in              San José

„Dass diese Menschen aus dem einfachen Milieu des Waldes es zu solchen Höhen in der Musik und Kunst bringen konnten, läßt sich nur aus einer wirklichen Zusammenarbeit mit den Missionären erklären. Andernfalls waren sie doch sofort zurück in den Wald gegangen,“ glaubt der Franziskaner, dessen Ordensgemeinschaft später die frei gewordenen Missionsgebiete der Jesuiten übernahm, beziehungsweise nach dem gleichen Prinzip auch neue Reduktionen gründete. Übrigens: Was die einen kritsch als „Kolonialisierung mit anderen Mitteln“ bezeichneten, lobten andere später als „gelungene Entwicklungshilfe“, als „Utopia“ und „anti-koloniales Experiment“.

Die Dschungelkirchen der Chiquitos

Im Gegensatz zur 1697 gegründeten steinernen „Urwaldkirche“ von San José sind die anderen Reduktionskirchen der Chiquitania vorwiegend aus Holz gebaut. Die waren in einem sehr viel schlechteren, aber ebenfalls unzerstörten Zustand, als der Schweizer Architekt Hans Roth in den 1980er nach Bolivien kam, um sie nach und nach sorgfältig zu restaurieren.

Milton Villaviencio, Restaurator in Concepcion und Schüler von Hans Roth

Typisch für alle Redukionskirchen der Chiquitania ist die kunstvolle Innenausstattung mit holzgeschnitzten, oft versilberten oder vergoldeten Altären und farbenprächtigen Wandmalereien. Fröhlich dreinblickende pausbäckige Engelsgesichter lächeln die Betenden an. Die aufwendig geschnitzten und prachtvoll gekleideten Christusfiguren und Heiligenstatuen wirken fast lebensecht. Die Wandbilder und Kreuzwege erzählen nicht nur die Missionierungsgeschichte der Chiquitanos, sondern bebildern auch das Alltagsleben der Menschen.

Das Dach wird von gedrechselten Holzsäulen getragen, die jeweils aus einem einzigen Baumstamm eines eisenharten, fast unverrottbaren Urwaldriesens bestehen. Daneben der Glockenturm. Flankiert auf der einen Seite von den Wohn- und Arbeitsräumen der Padres, auf der anderen von mehreren Schulräumen. Die große, sehr gepflegte Plaza ist quadratisch angelegt, von uralten Bäumen beschattet und in den Abendstunden der Treffpunkt des Örtchens. Um ihn herum befinden sich die ehemaligen Werkstätten, Vorratshäuser der Dorfgemeinschaft und die aus Lehmziegeln oder Steinenerbauten eingeschossigen Wohnhäuser der Chiquitanos.

Die Kirche von Concepcion

Die Kirche von Concepcion

Statt des typisch spanisch-kolonial-weißen Farbanstrichs sind die Hauswände in den Reduktionen bis heute in roten, gelben, brauen Naturtönen gestrichen und mit blumigen Ornamenten bemalt.

Konzertantes gemischt mit Motorengeknatter

Es ist 19.30 Uhr. Schon seit mehr als einer Stunde wehen immer wieder Geigenklänge und Kinderstimmen zur Kirche herüber. Vorne am Altar beten einige alte Frauen abwechselnd den Rosenkranz. Gleich wird der Pfarrer zur täglichen Abendmesse läuten. Von der Plaza brummen, knattern, röhren die Mopeds wie ein unendlicher Schwarm viel zu lauter Bienen. Die Zweirräder sind der letzte Schrei hier und der erste Schritt zu mehr Mobiltät. Denn seitdem nun auch in den bolivianischen Landgemeinden die bis vor wenigen Jahren bittere Armut endlich durch Wirtschaftsförderung und Infrastrukturmaßnahmen in Angriff genommen wird, können sich die Menschen die billigen Zweirräder aus China leisten. Und verschaffen ihren stolzen Fahrern etwas Kurzweil und Abkühlung. Und als sei dieses Geräuschpanorama nicht schon stimmungsvoll genug, schüttelt dann auch noch ein fast sturmartiger, vorallem aber heißer Wind lautklatschend die ersten halbreifen Mangos vom Baum.

Barockmusik als Jugendsozialarbeit

Musikunterricht bei Ronaldo Chichi in San José

Musikunterricht bei Ronaldo Chichi in San José

Doch die Geräuschkulisse scheint die Konzentration der runddreißig Musikschüler nicht stören zu können. Auch nicht die Hitze. Nicht das strenge Gehör des Musiklehrers, der die vorliegende Partitur immer aufs Neue wiederholen läßt, bis er endlich zufrieden ist. Niemand schielt heimlich auf die Uhr des Handys, um endlich auch auf die Plaza zu können. Kein einziges Kind zappelt ungeduldig auf seinem Stuhl herum. Ganz im Gegenteil. Alle sitzen mit ihren Streichinstrumenten vor den Notenständern und arbeiten gemeinsamen mit ihrem 25jährigen Lehrer Ronaldo ein, zumindest für mein Gehör kompliziert erscheinendes, barockes Musikstück durch.

Einen Raum weiter unterrichtet Julio rund vierzig Anfänger im Geigenspiel. Tonleitern. Rauf und Runter. Mal schräg, mal weniger schief. Die Liebe habe ihn aus dem 3500 bis 4000 m hohen La Paz in die Hitze verschlagen, erfahren wir später von Don Julio. „Seit meinem Abschied vom Militär mache ich mich hier nützlich,“ erklärt der etwa Siebzigjährige. Seine Frau ist die Musiklehrerin des Ortes. „Noch vor wenigen Jahren gab es hier weder Mobilfunk, noch Internet noch Fernsehen. Die Musikschule ist eigentlich bis heute unser wichtigstes Freizeitangebot hier im Ort. „Und es ist doch besser, im Orchester zu spielen als sich auf der Plaza mit einem „trago“, einem Schluck, die Zeit totzuschlagen. Oder vor dem Fernseher zu sitzen. Allerdings…,“ so Don Julio, „dürfen die Kinder nicht mehr bei uns im Orchester mitspielen, wenn ihre Schulleistungen nachlassen.“ Von einem Konzertauftritt ausgeschlossen zu werden, das sei hier in San José eine bittere Strafe. Allerdings auch eine seltene Strafe, fügt er schmunzelnd hinzu, denn die meisten jungen Musikanten seien auch sehr gute Schüler, sogar in Mathe und Physik, betont Julio am Ende unseren Gesprächs.

Das Kinderorchester

Wenig später beendet auch Ronaldo den Unterricht. Seine Schüler möchten uns nun noch eine Kostprobe ihres Könnens geben. Es ist gerade erst eine Woche her, dass sie vor der spanischen Königin Sophia spielen durften. „Vor so einer wichtigen Persönlichkeit,“ erzählt die dreizehnjährige Marieleňo, die nun schon seit vier Jahren Geige spielt. „Sie mochte unsere Musik und sie hat uns auch sehr beglückwünscht und viel während des Konzertes applaudiert. Das war wirklich toll.“ Die spanische Königin war während ihres bolivianischen Staatsbesuchs auch nach San José gekommen, um hier die abgeschlossenen Renovierungsarbeiten am Klostergebäude zu besichtigen und die kulturellen Förderprojekte des Dorfes in Augenschein zu nehmen. Mitfinanziert von spanischen Stiftungsgeldern.

Barockmusikfestival in San Javier

Barockmusikfestival in Concepcion

Was wir nun in diesem Dschungelstädtchen fast am Ende der Welt zu hören bekommen, verschlägt mir fast die Sprache: Ein philharmonisches Streichkonzert aus Kinderhänden, das so auch in deutschen Konzertsäalen Aufsehen erregen würde. Noch mehr als die Musik gefällt mir persönlich allerdings die offensichtliche Freude, mit der die Kinder hier spielen. Ganz offensichtlich ohne Angst und mit einem entspannten Lächeln, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dreihundert Jahre alte Partituren zu spielen.

Es war eine echte Sensation, als der Schweizer Architekt Hans Roth während seiner Renovierungsarbeiten mehrere tausend originalen Notenblätter aus dem 18. Jahrhundert wiederfand und in einem eigens gegründeten Archiv sicherte. Heute wird diese neugefundene Musik wieder gespielt. Nicht nur in Bolivien, sondern auch auf den Konzertreisen, zu denen die „Dschungelorchester“ der Chiquitanos immer wieder eingeladen werden. Renaldo Chichi ist in San José nicht nur der örtliche Musiklehrer für die fortgeschrittenen Musikschüler, sondern auch der Dirigent des kommunalen Musikorchesters. Auch ihn haben seine Konzertreisen schon bis nach Deutschland geführt.

Musik öffnet den Geist

Santa Ana

Als die Kinder ihre Geigenbögen entspannt haben, beginnt Ronald Chichi seine Geschichte mit wenigen Sätzen zu umreißen: „Ich bin in Urubichá geboren, einem Dorf weiter oben im Norden. Die Mehrheit meines kleinen Dorfes spielt mindestens ein Instrument und wir haben natürlich auch eine große Musikschule dort. Unsere Vorfahren hielten immer an unserer Kultur fest, also an unserer Musik und auch unserer Sprache und Lebensweise: Heute bewahren wir, ihre Enkel, diese Kultur. Ich habe mit 12 Jahren begonnen Violine zu spielen, gerade in jenem Jahr, in dem bei uns auch das erste Musikfestival stattfand. Für mich ist diese Musik auch meine Zukunft, denn ich studiere in Santa Cruz Musik. In meinem Dorf sagen sie immer, dass die Musik den Geist öffnet… Ganz sicher kann Musik wichtige Impulse geben, damit Kinder nicht in Drogen oder andere Schwierigkeiten abzurutschen. Und tatsächlich war ich selbst Dank der Musik sogar schon in Europa. Die Musik wird mich auch in Zukunft in die ganze Welt hinaustragen.“ In Urubichá, so heißt es in Bolivien, spielt mindestens jedes vierte Kind konzertreif.

Santa Ana

San Miguel

Wenn auch Touristen selten sind, alle zwei Jahre kommt die internationale Musik-Welt für ein paar Tage in die ansonsten verschlafenen Dschungeldörfer östlich von Santa Cruz. Das „Festival Internacional de Música Renacentista y Barroca Americana “ gilt als das wichtigste seiner Art und findet unterdessen an mehr als 22 Standorten in der Chiquitania statt. Marcello Ráus ist einer der verantwortlichen Organisatoren. Ihn hatte ich während schon meines letzten Besuchs in San Javier kennengelernt. Damals erzählte er mir, dass „die Musikausbildung in den letzten Jahren enorm an Bedeutung zugenommen hat. Das Festival gibt uns auch die nötigen Geldmittel an die Hand, um beispielsweise Reis und Zucker zu kaufen. Mit diesen Naturalien können wir die armen Landfamilien dafür entschädigen, dass sie ihre Kinder in die Musikausbildung schicken können, anstatt dass ihre Töchter und Söhne durch Arbeit zum Lebensunterhalt beitragen müssen.

Ein Weg aus der Armut

„Ich möchte fast sagen,“ erklärt der junge Musikstudent Ronaldo aus Urubichá weiter, „ dass hier in Bolivien die guten Musiker vorallem aus den armen Familien kommen. Auch meine eigene Familie ist sehr arm. Ich selbst musste als Kind schon arbeiten, um etwas Geld hinzu zu verdienen. So bin ich jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden, um dann vier Stunden auf meiner Geige zu üben. Danach arbeitete ich über Mittag zweieinhalb Stunden in einer Werkstätte. Nachmittags ging ich in die Schule. Ich kannte kein Faulenzen. Und ich war immer ein guter Schüler und Gottseidank bin ich auch ein guter Student. Jetzt unterrichte ich selbst auch in den Armenvierteln von Santa Cruz.“

Es ist spät geworden. Der heiße Wind ist eingeschlafen. Abgekühlt hat es sich nicht. Für morgen sind Regenfälle angesagt. Die Menschen warten dringend auf den Beginn der Regenzeit. Weil aber vor uns Hunderte von Kilometern auf rippeligen Naturstrassen liegen, sind Max, Ricardo und ich etwas in Sorge. Sobald die unbefestigten Pisten aufgeweicht sind, wird der Verkehr im Schlamm versinken. Und wir wollen noch nach San Miguel, einem Dschungelstädtchen, dass neben der Musik vorallem auch seine traditionellen Schnitzkünste pflegt. Und wo es zum Unterrichtskonzept gehört, die Schüler auch in Holzschnitzerei ausgebildet werden. Nach Santa Ana, die kleinsten aller hiesigen Reduktionkirchen, die ganz vorsichtig in dem Zustand konserviert wurde, in dem Hans Roth sie vorfand. Und nach Concepcion, der wohl imposantesten aller Holzkirchen. Mit ihrer Restaurierung krönte der Schweizer Hans Roth sein Lebenswerk. Und durfte noch miterleben, wie Concepcion zur Kathedrale erhoben wurde.

Immer geradeaus nach Brasilien, vorbei an San José

Immer geradeaus nach Brasilien, vorbei an San José

Seit kurzem ist San José über eine betonierte Schnellstrasse an Santa Cuz angeschlossen. Die sogenannte „Bioceanica“ verbindet nun quer durch Bolivien die Ostküste Brasiliens mit der Westküste Chiles. Das sind von San José aus  260 betonierte Km bis in die westlich gelegene Wirtschaftsmetropole Santa Cruz und nur noch 360 km in Richtung Osten bis zur brasilianischen Grenze. Die Globalisierung, die Pater Hubert beim Kaffee sorgenvoll betrachtet hatte, wird sich nun noch einmal beschleunigen. „Alles wird sich hier ganz bald verändert haben. Mit der Ruhe ist vorbei,“ sagt Max rückblickend, als wir am nächsten Morgen weiterfahren. Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Strasse mit sich bringt, macht auch vor San José nicht Halt. Ob sich die Menschen ein kleines Zipfelchen ihres barocken Paradieses werden bewahren können?

 

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