_MG_0317_kleinDer Moment ist die Ewigkeit. Ulrich Rückriem, Künstler. Punkt.

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Ein Feature von Judith Grümmer (Erstausstrahlung am 24. Februar 2017, 20.10 Uhr bis 21.00)

Die erste Begegnung wird gleich zum Kräftemessen. Ulrich Rückriem besteht auf dem Moment. Kein Schnitt! Rohmaterial! Das muss reichen! Es ist einzig der Ursprung, der den Bildhauer interessiert. „Ich sehe einen Rohblock und sage, da steckt genau ein-mal-ein-mal-ein Meter drin, und den  haue ich  jetzt da raus. Das ist schwieriger als eine Skulptur zu machen, bei der kannst du immer was ausgleichen.“

Aus dem  zähen Ringen um den Inhalt eines Rückriem gemäßen Hörstücks entwickelt sich eine Annäherung zwischen dem Künstler und seiner Besucherin. Mal mit, mal ohne Mikrophon. Immer mit viel Kaffee, Zigaretten, Monologen. Meist in Rückriems Kölner Atelier. Die Steinbrüche hat der 78jährige, der seit langem als einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer gehandelt wird, verlassen. Seine Arbeit als Zeichner empfindet er als Befreiung. Den Kunstmarkt als Ekel. Und den Moment des Tuns als Ewigkeit.

Deutschlandfunk – Das Feature

Familienfoto circa 1970

Familienfoto circa 1970

“Mein Vater, der Maler. Ein Familienleben im Lichte der Kunst“. Ein Feature von Judith Grümmer (Erstausstrahlung 2012)

Das Manuskript können Sie zum privaten Gebrauch anfragen.

Mit Sechzehn wird Jürgen Hans Grümmer (1935 – 2008) jüngster Meisterschüler an den Kölner Werkschulen, mit Zwanzig gilt er als Geheimtipp der Kunstszene. Mit Zweiundzwanzig hat er Frau und Tochter.

Das Kind atmet Ölfarbe und Basaltstaub, spielt in Baubuden, Werkstätten und Steinbrüchen. Es wächst in einer Künstlerkommune auf und trotz aller Geborgenheit sagt es tatsächlich: “Wenn ich groß bin, werde ich Spießer!”

Denn der früh vom Erfolg verwöhnte Grümmer hält den eigenen Ansprüchen nicht stand. Die Kunst nährt umso mehr Selbstzweifel, je weniger sie die Familie sättigt. Irgendwann kommt der Vater der Familie abhanden. Einzig seine Kunst bleibt ihm, auch wenn niemand sie mehr will.

Zwanzig lange Jahre hört und sieht seine Tochter nichts von ihm. Sie ist Mutter von drei Söhnen, als er wieder auftaucht, und langsam, sehr langsam entdecken Vater und Tochter füreinander längst verloren Geglaubtes: Respekt, Liebe. Nach seinem Tod sieht Grümmers Tochter, dass sein Spätwerk die Trauer um die verlorenen 20 Jahre Gemeinsamkeit spiegelt. Es sind seine stärksten Arbeiten.

Die Website des Malers

Deutschlandfunk

10 Sätze, bei denen mein Vater recht hatte:

Ein Satz, ein dahergesagter Spruch – der immer wieder in den Ohren klingt. Wie recht ihr Vater doch hatte, stellte Judith Grümmer erst Jahre später fest, als sie selbst schon erwachsene Kinder hatte.

(Klicken Sie auf die Heftseiten zum Nachlesen – Tipp: Mit Strg – und Strg + können Sie die Größe Ihrer Bildschirmseite verkleinern und vergrößern, um den Lesekomfort zu verbessern)

Vatersprüche Vatersprüche

Jürgen Hans Grümmer, Maler und Bildhauer | ISBN 978-3-942139-09-0Herausgegeben von Judith Grümmer-Kehrer, Mit Beiträgen von Jürgen Becker, Conny Czymoch, Diter Frowein-Lyasso, Thomas Hackenberg, Christopher Schroer und Jo Schulte-Frohlinde.

Jürgen Hans Grümmer (1935 – 2008), früh erfolgreich, bekannt durch sein Mosaik Europa auf dem Stier im Kölner Rathaus und seine Gestaltungen des öffentlichen Raums, ein von künstlerischer Kraft und Potenz strotzender Bildhauer. Als Maler leidenschaftlich und in seiner Bildsprache wortgewaltig, aber leise und zurückgezogen. Weil er die Gesetze des Kunstmarkes nicht kennt, die Spielregeln der Selbstvermarktung nicht beherrscht, nicht kann, nicht will oder verweigert?

Grümmer bleibt Zauderer, Zweifler, Zögerer, bis ins hohe Alter ein Getriebener, ständig auf der Suche nach dem Bild, das er noch malen muss. Er bleibt kompromisslos, vor allem gegen sich selbst: Was er tut, tut er mit Blick auf seine Kunst. Wenn er einkauft, dann wird das Gemüse erstmal gezeichnet, die Pfanne mit den Bratkartoffeln in ihrer Struktur betrachtet. Die Zigarilloasche bewahrt er, um sie in Farbe einzurühren. Der Kaffee ist extra stark, fürs Kolorieren, nicht zum Trinken. Traubenrispen, Orangenschalen, zerdrückte Dosen und Spinnenhäutungen, nichts wird weggeworfen, bevor es gezeichnet ist. Wenn er liebt, dann wird die Frau zur Muse, die er mit Zeichenfeder, mit Kreide, Kohlestift oder Pinsel liebt. Jeder Stein, jedes Strandgut … alles ›atmet‹ in Bildern, inspiriert ihn.

Dieser Elan, der ihm im Alltag irgendwann abhanden gekommen zu sein scheint, diese Kraft und die künstlerische Potenz, an der er irgendwann zweifelt, das strotzende Selbstbewusstsein, das sich irgendwann einfach aufgelöst hat, auch das ist Grümmer. Als alter Mann, findet er alles wieder: Kraft und Elan.

Irgendwann beweist er sich fast ein Jahr lang, Nacht für Nacht, dass er kleinstformatig arbeiten und als Künstler, selbst wenn er nur noch diese eine Hand bewegen könnte, seine Sprache nicht verlieren wird. Als diese Angst überwunden ist, werden seine Arbeiten wieder großformatig. Und er, der Maler ist wieder da.

Themen und Fragestellungen, die den jungen Grümmer schon beschäftigten, greift er im Verlaufe des Lebens immer wieder auf und führt sie weiter, betrachtet sie von vielen Seiten, verändert Perspektive und Technik, gibt sich erst zufrieden, wenn er meint, eine akzeptable Antwort gefunden zu haben.

Und immer wieder ist es das Leben, das was Leben mit Menschen macht, was es ihnen abverlangt, zumutet, wozu es herausfordert, was Grümmer in seinen Arbeiten zeigt.

Grümmer. Maler und Bildhauer
Lindlar 2011, 28 x 21 cm, 204 Seiten, 214 farbige, teils ganzseitige Abbildungen, Werkverzeichnis. Klappenbroschur.
ISBN 978-3-942139-09-0, 36,00 Euro.
(Das Buch ist leider zur Zeit vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich)

Ein Familienleben im Lichte der Kunst
Feature von Judith Grümmer, ausgestrahlt am 01.06.2012 im Deutschlandfunk

Mit Sechzehn wird Jürgen Hans Grümmer (1935 – 2008) jüngster Meisterschüler an den Kölner Werkschulen, mit Zwanzig gilt er als Geheimtipp der Kunstszene. Mit Zweiundzwanzig hat er Frau und Tochter.

Das Kind atmet Ölfarbe und Basaltstaub, spielt in Baubuden, Werkstätten und Steinbrüchen. Es wächst in einer Künstlerkommune auf und trotz aller Geborgenheit sagt es tatsächlich: „Wenn ich groß bin, werde ich Spießer!“

Denn der früh vom Erfolg verwöhnte Grümmer hält den eigenen Ansprüchen nicht stand. Die Kunst nährt umso mehr Selbstzweifel, je weniger sie die Familie sättigt. Irgendwann kommt der Vater der Familie abhanden. Einzig seine Kunst bleibt ihm, auch wenn niemand sie mehr will.

Zwanzig lange Jahre hört und sieht seine Tochter nichts von ihm. Sie ist Mutter von drei Söhnen, als er wieder auftaucht, und langsam, sehr langsam entdecken Vater und Tochter füreinander längst verloren Geglaubtes: Respekt, Liebe. Nach seinem Tod sieht Grümmers Tochter, dass sein Spätwerk die Trauer um die verlorenen 20 Jahre Gemeinsamkeit spiegelt. Es sind seine stärksten Arbeiten.

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