Randnotiz aus Bolivien. 4. November 2012, Sucre

Reína wird seit vier Jahren von Freiwilligen betreut. Unterdessen kann die Gehörlose auch das Internationale Fingeralphabet

Reína wird seit vier Jahren von Freiwilligen betreut. Unterdessen kann die Gehörlose auch das Internationale Fingeralphabet.

Zwischenstation in Sucre. Und eine deutliche Abkühlung zum subtropisch-heißen Santa Cruz. Das heißt: Nachts ziehe ich mir Wollsocken über, anstatt die Klimaanlage anzuschalten. Immerhin liegt die alte Kolonialstadt auf 2.800 m, also auf „Zugspitzen-Niveau“ oder im „Ewigen Frühling“. Ein idealer Ort für die allmähliche Höhenanpassung mit Hilfe von Kokatee und Soroche-Pills (Koka und Aspirin), bevor es dann ins 4100 m hochlegene El Alto weitergehen wird. Dort erwartet mich dann winterliche Kälte und mit der nun allmählich einsetzenden Regenzeit dann auch Schneefall. Bolivien ist eben ein Land der krassen Gegensätze.

In Sucre treffe ich Ina. Sie ist als „Weltwärts-Freiwillige“ für ein Jahr in Alcalá eingesetzt. In „meinem“ Dorf, denn hier habe ich während meiner letzten Bolivieneinsätze längere Zeit gelebt und gearbeitet. Dort betreut sie nun die gehörlosen Geschwister Carlos und Reína. Als ich die beiden Kinder damals kennenlernte, konnten sie sich gerademal mit ihren Eltern in einer familieninternen Zeichensprache verständigen. Die Lehrer vor Ort hatten damals keinerlei Ideen, wie man die beiden Kinder hätte fördern können.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland hatte ich mich auf die Suche gemacht und an der Kölner Uni die junge Gehörlosenpädagogin Leanne getroffen. Leanne ging dann tatsächlich, unterstützt von ihren Professoren, im Rahmen ihrer Examensarbeit zunächst für ein halbes Jahr und später dann für weiteres Jahr mit „Weltwärts“ nach Alcalá, um dort die beiden gehörlosen Kinder zu fördern. Mit viel Erfolg! Obwohl inzwischen beide Eltern, Don Téodore und Doña Aurora gestorben sind, geht es Carlos und Reína sehr gut. Sie bewirtschaften mit ihrem großen, ebenfalls gehörlosen Bruder den etwa eine Stunde Fußmarsch von Alcalá entfernten Hof, haben Kontakt im Dorf und meistern ihr Leben.

 

Verabredungen mit Uhrzeit und Datum schreiben Ina und Reína sich in die Hand.

Kontinuität und Nachhaltigkeit, das weiß jeder, der sich schon mal intensiver mit internationaler Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt, sind in vielen Projekten nur schwer zu gewährleisten. Und oft scheitern gerade Großprojekte einfach nur an unüberbrückbaren Kommunikationsproblemen und Kulturunterschieden. Deshalb ist es umso beglückender, dass hier – in diesem winzig kleinen Projekt – ganz offensichtlich die vielen kleinen, aber regelmäßigen Schritten der Freiwilligenarbeit zum Erfolg führen:

Es ist viel geschehen in diesen vier Jahren, in denen die beiden Gehörlosen nun von Freiwilligen aus Deutschland betreut werden. Carlos und Reína haben Lesen und Schreiben gelernt, nachdem sie doch zuvor in der Schule nur Zahlen und Buchstaben abgemalt hatten, ohne überhaupt zu verstehen, was sie da auf Papier bringen sollten. Unterdessen verstehen die beiden viel und können sich auf Spanisch mittels Zeichensprache und Fingeralphabet unterhalten. Dank einiger Spendengelder konnten die beiden Dorfkinder sogar in Begleitung einer Freiwilligen erstmals eine kleine Reise durch Bolivien machen und so Schritt für Schritt etwas von der Welt außerhalb von Alcalá begreifen.

Die "Weltwärts-Freiwillige" Ina betreut die gehörlose Reína ein Jahr lang. Diesmal wird sie von Lara begleitet. mit Reína (von rechts)

Die „Weltwärts-Freiwillige“  Ina betreut die gehörlose Reína (rechts) ein Jahr lang. Diesmal wird sie von Lara (mittig) begleitet.

Ina aus Hamburg ist nun gerade als dritte Voluntaria in diesem kleinen Projekt vor Ort. Sie hat sich schon in Deutschland mit viel Engagement auf ihren sonderpädagogischen Einsatz vorbereitet. In ihrem aktuellen Blog berichtet sie ausführlich über ihre Arbeit: Sie kann nun mit Hilfe des Internationalen Fingeralphabets mit den beiden Jugendlichen kommunizieren. Inbesondere Reína, die bald achtzehn wird, hat in Ina nicht nur eine gute Lehrerin, sondern auch eine Vertraute gefunden – und das ist wortwörtlich gemeint, denn mit ihr kann sie sich nun endlich auch über sehr persönliche Themen austauschen. Gerade für Gehörlose liegt ja in der Sprachbarriere die besondere Schwierigkeit. Wer kann ihnen zuhören und antworten, wenn es um Gefühle geht? Ina scheint es zu gelingen und das macht auch mich glücklich.

Natürlich werde ich in einigen Wochen selbst aufs Land fahren, um Carlos und Reína und natürlich auch Ina zu besuchen. Jetzt geht es aber erstmal nach La Paz/El Alto. Allerdings mit Verzögerung, denn nach „todos santos“ (Allerheiligen/Allerseelen) ist auch heute noch das öffentliche Leben und damit auch das gesamte Transportwesen im Dämmerschlaf.

An „todos santos“ wird in Bolivien zu Ehren aller Seelen viel gebetet, gegessen und getrunken. Und in den Häusern jener Familien, die im vergangenen Jahr Angehörige zu betrauern hatten, stehen die Türen für geladene oder einfach spontan vorbeikommende Gäste offen. In den Tagen um „todos santos“ werden blumengschmückte Altäre mit Fotos der Toten aufgebaut. Hier – ebenso wie auf den Friedhöfen – werden die Seelen der Toten mit deren Lieblingsspeisen, Süßigkeiten und Getränken bewirtet. Und mit ihnen auch alle Gäste des Hauses. Hungrig und nüchtern bleiben in diesen Tagen wohl nur wenige. Deshalb kann ich erst eine Nacht später mit dem Schlafbus ins zwölf Reisestunden entfernte La Paz reisen. Estamos en Bolivia. Manches dauert eben etwas länger. Gerade auch nach „todos santos“.

Wer mehr über „Carlos und Reína“ wissen möchte, kann hier zwei Auszüge aus dem Buch „Mosaico Boliviano“ nachlesen, die während meiner letzten Bolivienaufenthalte entstanden sind.

1. Carlos und Reína Porträt einer Bauernfamilie

2. Carlos und Reína II

 

 

 

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One Response to Carlos und Reína. Nachhaltiges Engagement in der Freiwilligenarbeit

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