Zur Zeit bereite mich in Santa Cruz de la Sierra auf meine Recherchereise durch Bolivien vor. Geplant ist ein längerer Aufenthalt in „El Alto“, der andinen „Schwesterstadt“ von La Paz, in der in 4100 m Höhe unterdessen fast eine Millionen Indígenas leben. Ausserdem werde ich mich auf die Spuren der Jesuiten begeben, die 1690 bis 1767 zahlreiche Missionen in der bolivianischen Chiquitania gegründet haben. Bis heute haben viele Traditionen hier überlebt, wie beispielsweise die Barockmusik. Natürlich zieht es mich auch die Andendörfer, in denen ich die letzten Male gelebt habe. Dort, ebenso wie in El Alto, werde ich mein „Sockenprojekt“ weiterführen. Gerne halte ich Sie auf dem Laufenden: In unregelmäßigen Abständen werde ich bis Ende 2012 „Randnotizen aus Bolivien“ schreiben:

Erste Randnotiz aus Bolivien: Santa Cruz de la Sierra, 30. September 2012

„Es ist fast unglaublich, wie schnell die Stadt wächst,“ staunt selbst meine bolivianische Freundin. Sie kann kaum noch den Weg zu unserem Ausflugslokal auf der anderen Seite des Río Piraí finden. Obwohl sie doch hier schon seit Jahren immer wieder offroad unterwegs ist! „Alles sieht anders aus als noch vor Monaten“, sagt sie – und ich denke: „Unglaublich, vor vier Jahren bin ich hier durch die tropische Einsamkeit gefahren.“ Zur Zeit wird die staubige Piste gerade verbreitert und befestigt. Rechts und links von uns umschließen hohe Mauern neue Siedlungsanlagen für die wachsende Mittelschicht. Denn hier am Fluß ist ein herrlicher Platz für jene, die sich diese beschützte Modernität im Grünen leisten können.

Santa Cruz ist die neue Wirtschaftsmetropole im tropischen Tiefland Boliviens, seitdem hier in den 1950er Jahren die zweitgrössten Erdgasvorkommen Südamerikas gefunden wurden. Aber im Gegensatz zu früher erreicht der wachsende Wohlstand in den letzten Jahren endlich auch die indigene Mehrheitsbevölkerung. Warum? Weil der Gewinn aus dem natürlichen Reichtum des Landes nicht mehr im Ausland verschwindet. Das ist jetzt natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt, wird aber auch von Kritikern der 2006 demokratisch gewählten und indígen geprägten Regierung nicht geleugnet. „Der Bettler auf dem Silberthron“, wie Bolivien als das ärmste Land des südamerikanischen Kontinents bislang genannt wurde, ist auf dem besten Weg sein Lumpenhemd abzulegen. Dank seiner Bodenschätze und eines zumindest zur Zeit vielverprechenden Wirtschaftsmodells aus staatlicher, gemeinschaftlicher und privatwirtschaftlicher Ökonomie unter sozialer Kontrolle, so wie es seit 2009 in der neuen Verfassung festgeschrieben ist.

Auf dem Weg zu unserem Sonntagsrestaurant ist genau diese Entwicklung auch für mich deutlich im Stadtbild abzulesen: Wo sich vor einigen Jahren noch Slums, in immer neuen Ringen, ums Stadtzentrum legten, da stehen heute Steinhäuser. Wo noch vor Jahren Müll und Schrott die Strassenränder bedeckte, sind die Gehwege längst gepflastert und unvergleichlich viel sauberer. An den Ausfallsstrassen haben viele Zuwanderer, die vom Land in die Stadt abwanderten, tatsächlich eine wirtschaftlich bessere Zukunft gefunden und kleine Gewerbe gegründet.

Hier, wo Staat und Kommune nicht lenken und vorgeben, da ist es der Eigeninitiative dieser Menschen und der Unterstützung nichtstaatlicher Organisationen zu verdanken, wenn sich Slums in vitale Stadtteile weiterentwickeln. Mit Elektrizität, Wasser, Abwasser, mit Handel und Gewerbe. Wer es sich leisten kann, stockt sein ebenerdiges Haus nach und nach auf. Erste kleine Schulen entstehen. Krankenstationen. Danach bringen die Investoren auch irgendwann Einkaufszentren und immer grössere Gewerbegebiete auf den Plan. Und weil Santa Cruz unaufhörlich weiterwächst, errichten immer neue Zuwanderer mit ein paar Brettern und Blechen ein erstes Dach über ihrem Kopf. Dort, wo noch vor Monaten einfach nur nichts war.

Santa Cruz de la Sierra – acht Jahre nach meinem allerersten Besuch ist die Dynamik dieser Stadtentwicklung für mich fast nicht zu begreifen. Die Bilder von Trostlosigkeit und Elend, mit denen wir Europäer den Begriff „Slum“ verbinden, sind hier, wenn überhaupt, nur für eine kurze Entwicklungsphase zutreffend. Als Übergangsphase, bevor Zuversicht, Fleiss und Improvisationstalent viele Bewohner voranbringt.

Das Sonntagsausflugsrestaurant am Rande der Stadt ist erreicht. Vielleicht werden wir schon das nächste Mal hier so ankommen wie in den meisten deutschen Auslugslokalen auch: weder durchgerüttelt noch eingestaubt. „La Rinconada“ ist ein Freizeitparadies in üppig blühender Parklandschaft. Mit Planschbecken und Spielgeräten. Mit einem reichhaltigen Büffet regionaler Köstlichkeiten. Danach dann im Schatten der Bäume Siesta machen oder die Goldfische im Teich füttern, das kann eine Familie mit dem nötigen Kleingeld sonntags in Santa Cruz glücklich machen. Und von denen gibt es hier keineswegs weniger als noch vor Jahren.

Alle  „Bolivianischen Randnotizen“ aus 2012

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