Randnotiz aus Bolivien, Santa Cruz, 18.10.2012

 

Eine einsame Fußgängerampel auf der Avenida Alemana, Santa Cruz

Bisher hatte ich jeden Morgen, wenn ich die Avenida Alemana zu Fuß überquerte, dieselbe ungute Schlagzeile vor meinem inneren Auge: Deutsche auf der Deutschen Strasse überrollt. Bisher! Denn jetzt glaube ich, das Geheimnis der bolivianischen Fußgängerampel durchschaut zu haben.

El semáforo“ heißt „die Verkehrsampel“. Aber schon für „Fußgängerampel“ gibt es im bolivianischen Spanisch keine Vokabel! Vielleicht sollte da schon ein Warnung sein? Jedenfalls hat es einige Zeit gedauert, bis ich erkannt habe, wie ich diese einsame Fußgänger-Ampel auf der Avenida Alemana überhaupt gefahrlos nutzen kann.

Es sind nur sieben Sekunden, dann springt die Drück-Ampel für mich auf Grün und auf Rot für die Autofahrer. Davon können deutsche Fußgänger nur träumen. Doch Rot ist hier in Santa Cruz kein Grund für Autofahrer, die Geschwindigkeit zu drosseln oder gar anzuhalten. Deshalb werde ich am ersten Tag und noch voll Gottvertrauen im falschen Schutz des Verkehrszeichens fast überfahren. Aber nur fast, denn mein Mißtrauen ist dann doch überlebensgroß!

Zweiter Tag: Zufällig wollen auch ein paar einheimische Fußgänger über die Strasse. Ich schließe mich ihnen an. Bei tiefstrotem Rot springen wir über die Avenida.

Dritter Tag: Wenn schon eine Ampel dasteht, dann sollte man sie auch nutzen, denke ich. (Typisch deutsch.) Bei Grün wage ich also zwei Schritte auf die Strasse, springe aber schnell zurück. Herzklopfen. Was ist, wenn sie nun doch nicht bremsen? Ausgerechnet jetzt halten die Fahrzeuge zweispurigvor mir an. Doch mittlerweile sind die fünf Grünlicht-Sekunden für mich vorbei. Schon beginnen die Autos zu hupen. Vor dem Überwegentsteht ein Stau. Aber ich traue mich nicht! Will auf eine neue Chance warten. „ ¡Pase!“, „Gehen Sie rüber!“ rufen die Autofahrer. Die vorbeigehenden Passanten sehen dem kleinen Spektakel zu. Und ich als deutsche Großstadtpflanze möchte am liebsten im Boden versinken.

Am nächsten Morgen ist aber dann tatsächlich niemand bereit, nur wegen Rot, anzuhalten. Wieder habe ich die Schlagzeile vor Augen: Deutsche auf der Deutschen Strasse… Aber irgendwie schaffe ich es: Abwarten. Losrennen. Ankommen. Ohne Ampel.

Sicherer bei Rot?

Fünfter Tag: Auch diesmal nutze ich irgendeine kleine Lücke, um zwischen den heranjagenden Fahrzeugen durchzuflutschen. Diesmal handele ich mir den Rüffel einer freundlichen Bolivianerin ein, die mich auf  die Ampel aufmerksam macht. Nein! Ich will und kann dem Fußgängergrün hier nicht vertrauen! Und: Meine Strategie funktioniert bestens. Einfach rennen, wenn Platz ist! Gut, dass zwischen den beiden Fahrtrichtungen der breiten Avenida ein dicker Grünstreifen liegt. Und dann steht da auch noch eine zweite Ampel. Zweifaches Roulette, doppeltes Risiko.

Jetzt, nach zweieinhalb Wochen, habe ich endlich das Geheimnis dieser bolivianischen Fußgängerampel knacken können. Und tatsächlich ist nun alles ganz einfach: In aller Ruhe abwarten, bis sich im Verkehr eine Lücke andeutet! Dann schnell den Ampelknopf drücken! Sieben Sekunden bis Grün, …, zwei Schritteauf die Fahrbahn! …, die heranrasenden Fahrzeuge bremsen ganz leicht ab,…, es reicht, um ruhigen Schrittes loszugehen. Schon knapp hinter meinem Rücken werden die Fahrer sofort wieder aufs Gas treten, obwohl sie noch Rot haben. Das stört mich aber nicht. Denn ich bin drüben. Wahrscheinlich würde das auch ohne Ampel klappen, doch das traue ich mich noch nicht.

 

 

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One Response to Geheimnis einer bolivianischen Fußgängerampel

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