El Alto/ La Paz, 18.11.2012

„… ich hoffe, du wirst dich in meinem Haus wohl fühlen.“ Und mit diesen Worten nimmt Doña Ela mich in den Arm. „Herzlich Willkommen, Schwester. Meine Familie ist deine Familie.“

Doña Ela und ihre Tochter Tania hoch über La Paz

Seit sechs Tagen lebe ich nun in ihrer Familie, und während ich meine Eindrücke zu sortieren versuche, habe ich mich in eine Wolldecke eingewickelt und zwei Pullover übereinander gezogen. El Alto liegt auf einer ca. 4100 m hohen Andenhochebene, unweit des Lago Titicaca und in unmittelbarer Nachbarschaft zum bolivianischen Regierungssitz La Paz. Ursprünglich, vor rund dreißig Jahren, lebten hier nur wenige Aymara-Familien. Unterdessen ist El Alto nicht nur zur höchst gelegenen indigenen Millionenstadt der Welt, sondern auch zu einer der weltweit extremsten Großstädte herangewachsen. Mehr selbstorganisiert als städtebaulich geregelt. Chaotisch, aber dennoch erstaunlich gut funktionierend. Karg, windig, rau, sonnenverbrannt und oft eiskalt. Mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von plus 8 Grad Celsius. Und das in einem Land, in dem Heizungen selbst bei den Wohlhabenderen bis heute fast unbekannt sind. Deswegen hat Doña Ela mir sieben Wolldecken aufs Bett gelegt und deshalb schlafen viele indigene Familien bis heute in einem einzigen Bett.

Hoch über La Paz

El Alto, Ciudad Satelite

Vor rund zwanzig Jahren kam Doña Ela mit ihrer Familie in die Ciudad Satelite, einem bis heute ruhigen Stadtteil von El Alto, direkt an der „Kante“ zu La Paz. An der „Kante“ ist wortwörtlich gemeint, denn La Paz liegt in einem tief abfallenden Talkessel, der südlich von El Alto schroff und tief bis auf 3200 Höhenmeter abfällt und dessen nördliche Bergwände dann wieder steil in die über 6000 Meter hohen Königskordilleren aufsteigen. Eine Millionenstadt, deren Häuser an unvorstellbar steilen Hängen kleben.

Bis vor wenigen Jahren galt hier noch die Faustregel: „Je höher, dessto ärmer.“ Denn wer es sich leisten konnte, und das waren lange Zeit vorwiegend „Blancos“ zog ganz tief nach unten in den Talkessel, wo auf „nur noch“ 3200 Höhenmetern die Durchschnittstemperatur rund 14 Grad C wärmer ist als hier oben auf der Hochfläche, wo Doña Ela mit ihre Familie lebt. Ganz tief unten: Luxuriöse Villen, teure Autos, edle Designer-Boutiquen, ausladende Supermärkte, fast tropical anmutende Cafés und schicke Restaurants. Und ganz weit oben? Das Altiplano mit dem Flughafen von La Paz. Und drumherum eine planlos und aus dem Nichts entstandene Stadt, die bisher meistens als arm, elend, chaotisch, kalt und gefährlich beschrieben wird.

Mit durchaus gemischten Gefühlen habe ich die Einladung angenommen, mir selbst ein Bild von El Alto und dem Alltag einer Aymara-Familie zu machen. Doch schon die Herzlichkeit, mit der mich Ela als ihre Schwester aus Deutschland begrüßt, mir einen heißen Kokatee reicht, um mir dann noch eine Wolldecke um die Schultern zu legen, nimmt mir die Anspannung. Und schon nach wenigen Minuten sitzen wir plaudernd zusammen. „Alles, was ich gelernt habe, hat mich das Leben gelehrt, nicht meine Mutter.“ beginnt Ela ihre Geschichte. „Meine Mutter starb an einer Lungenentzündung, als ich noch ein kleines Mädchen war. Schon als Kind habe ich den ganzen Haushalt führen müssen. Ich versuchte, dann beispielsweise etwas zu kochen. Aber weil mir niemand gezeigt hatte, wie man ein gutes Gericht zubereitet, ist mir das Essen anfangs oft angebrannt. Auérdem musste ich für die ganze Familie putzen und die Wäsche gewaschen, bis meine Hände kaputt waren vom kalten Wasser. Aber ich habe alles gelernt, was wichtig ist. Später dann sogar Lesen und Schreiben. Aber meine Mutter fehlt mir bis heute.“

La Ciudad Satelite

Die stillgelegte Schienenverbindung

Doña Ela, meine Gastgeberin, zog mit ihrem Mann Rene vor siebenundzwanzig Jahren nach El Alto. Hier entstand damals, als Ela und Rene hier ihr Häuschen bauten, das erste urbanisierte, also mit Strom, Wasser, Kanalisation versorgte Wohngebiet. „Es war eine Art Sozialprojekt für ehemalige Mineros,“ einnert sich Ela heute. Wie ein Satelit im Nichts. Und unweit der heute berühmtberüchtigten „La Ceja“, jener „Augenbraue“, die heute das Handelszentrum von El Alto, aber auch ein Anziehungspunkt für Diebe und Betrüger ist. Damals, so erzählt Ela, gab es hier sogar noch eine Zugverbindung zwischen La Paz und El Alto über das Altiplano bis zu den Häfen der Pazifikküste. Später wurde diese Zugstrecke privatisiert und dann abgewickelt. Heute dient der alte Schienenstrang nur noch als Fußweg, als Freifläche für Händler oder einfach als Müllablade. 1985 wurde El Alto, bis dahin ein Stadtteil von La Paz, dann zur eigenständigen Stadt ernannt.

Bis zu ihrem Umzug nach El Alto hatte auch Rene als Minenarbeiter seinen Unterhalt verdient, erst in der Zinnmine Milluni am Fuße des Huayna Potosi und später dann über Tage als Ingenieur. Doch dann wurde die Zinkmine stillgelegt und wie die meisten Familie ihrer Minen-Kooperative, so mussten auch Rene und Ela ihre Heimat verlassen. „Wir waren verliebt und wir hofften, dass unser Leben in der Stadt einfacher einfacher sein würde.“ Ob sich diese Hoffnung bewahrheitet hat? Diese Frage verkneife ich mir, denn ich möchte nicht unhöflich erscheinen. Ganz sicher wird Ela mir diese Frage in den kommenden Tagen von ganz alleine beantworten.

Die Schädel der Ahnen

Aber als erstes soll ich meine Gastgeberin auf den Friedhof von El Alto begleiten. Denn an diesem Novembermorgen, am „Dia de las Ñatitas“, dem achten Tag nach „Todos Santos“, treffen sich viele Aymara-Familie an den Gräbern ihrer Vorfahren, um die Schädel ihrer Vorfahren segnen zu lassen, um mit ihnen zu feiern oder auch um ihren Schutz zu erbitten. Ich lasse meine Kamera im Koffer, denn noch weiß ich nicht, wann ich was und wen abbilden darf. Ich weiß nur, dass viele konservative Aymara um ihr Seelenheil fürchten, wenn sie ungefragt fotografiert werden. Schon vor den Friedhofsmauern erwarten uns die „Amataus“, die Weisen der Aymara. Ela ist in der Aymara-Gesellschaft eine „Dirigente“, also eine leitende Persönlichkeit auf dem Altiplano, die zu wichtigen Versammlungen gerufen wird und die viele ehrenamtliche Aufgaben hat, um den Alltag der Gemeinschaft zu organisieren und, wie sie sagt, vorallem auch zu verbessern. Ela´s „Schwester aus Deutschland“, wird von allen herzlichst begrüßt und ausdrücklich eingeladen, auf dem Friedhof mitzufeiern.

Immer mehr Familien tragen an diesem Morgen verglaste Vitrinen auf den Friedhof, stellen sie gemeinsam fast altarähnlich auf und neben die Gräber zusammen. In jedem Kasten sind ein, zwei, drei Menschenschädel aufbwahrt. Ihre Augen- und Nasenhöhlen sind mit Watte verschlossen. Viele tragen Mützen, Sonnenbrillen, manche auch ihre Zahnprothesen. Alle diese Totenköpfe werden nun mit frischen Blumen bekränzt, von den versammelten Menschen mit Blütenblättern bestreut. Die Aymara-Weisen entzünden weihrauchqualmende kleine Tonschalen, umkreisen die Köpfe der Vorfahren. Dann sprechen die „Amataus“ nacheinander Gebete, in Spanisch und in Aymara. Ela sortiert mir einige Kokablätter, paarweise geordnet, in die Hand, dazu ein paar Kekse und Zuckerstücke. Diese Geschenke für die Vorfahren lege ich gemeinsam mit den Einheimischen vorsichtig in zwei vorbereitete Opferschalen, die anschließend auf einem Holzscheit verbrannt werden, damit ihre Opfergaben als Rauch die Seelen der Toten erreichen kann. Dann wird die Kokatüte erneut herumgereicht, denn auch das Kauen der „Heiligen Pflanze“ gehört zu jeder rituellen Handlung unbedingt dazu. „Wir Lebenden können unser Leben besser meistern, wenn wir unsere Wurzeln kennen und unsere Traditionen pflegen,“ erklärt Ela, „Aber nicht alle Familien holen deshalb die Schädel ihrer Vorfahren nach Hause. Ich selbst wollte meine Eltern nicht in ihrer Ruhe stören, deshalb liegen sie in ihren Vollkommenheit in ihren Gräbern. Und die werden wir heute nachmittag besuchen.“

Besorgt um meine Gesundheit, erkundigt sich meine Gastfamilie immer wieder, ob ich auch wirklich keine Kopfschmerzen habe. Keine Atemnot. Keinen Schwindel. Und ob ich auch warm genug gekleidet bin. Und ob auch meinen Sombrero dabei habe. Denn die Sonne ist sehr stark in dieser Höhe. Sicherheitshalber packt Ela dann noch eine Thermoskanne mit heißem Wasser und eine Tüte Kokablätter ein. Meine Gastfamilie wollen mit mir heute noch hoch hinaus: zum Friedhof an den Minen des Huayna Potosí. Dort könnte der Kokatee doch noch wichtig werden, denn er hilft den roten Blutkörperchen, mehr Sauerstoff anzudocken, wenn die 4450 unseres Ausflugszieles mir dann doch zu Kopf steigen sollten.

Sonderfahrt“ zum Huyana Potosí

Sonderfahrt zum Huayna Potosí

Das hätte ich mir in der Hitze von Santa Cruz auch nicht vorstellen können, dass ich nun in der Kälte des Altiplanos mit einem „Mikro“ über die unbefestigten Pisten der Königskordilleren fahren würde. Der „Mikro“ gehört meiner Gastfamilie und ist ihre wichtigste Einkommensquelle. „Aber wir besitzen auch draußen im Altplano noch ein wenig Land. Da bauen wir Kartoffel und Bohnen an und Gerste als Beifutter für das Vieh. Denn wir besitzen auch noch ein paar Rinder und Kühe. Denn von den spärlichen Einkünften allein, die der Mikro uns einbringt, können wir heute nur schwer leben“, erklärt Ela. Rene befördert mit seinem Bus täglich rund 14 Stunden lang Fahrgäste zwischen El Alto und La Paz. Die Fahrt kostet einen Boliviano ( = 0,80 Euro). Und auch wenn das Gas für seinen Mikro staatlich suventioniert ist, so gehört er als „Transportista“ doch zu den Schlechtverdienern von El Alto, meint Rene.

Trotzdem soll dieser Nachmittag seiner Familie gehören. Für mich eine tolle Gelegenheit ganz vorne beim Fahrer völlig entspannt erst den chaotisch-spannenden Strassenverkehr von El Alto, dann ein irres Panorama über die Millionenstadt und dann die Fahrt idurch die Königskordilleren zu genießen. Llama-Herden weiden an den Berghängen, Bäche sprudeln, kleine Wasserfälle glitzern in der Sonne. Immer wieder auch Bergseen. Und dann der schneebedeckte Gipfel des Huayna Potosí. Für mich wunderschön. Für meine Gastfamilie erschreckend. Denn dort, wo in ihrer Jugend noch ganzjährig die Gletscherzungen des Huayna Potosí bis ins Tal leckten, sind heute nur noch nackte Felsen. „Verbrannte Steine“, nenne sie das. Und auch die Seen seien für die Jahreszeit viel zu sehr geschrumpft, zu flach oder gar ausgetrocknet. „Klimawandel“, dieses Wort fällt an diesem Nachmittag immer wieder.

Friedhof am Huyana Potosí

Dieser Friedhof hatte früher mehr Einwohner als unser Dorf,“ erzählt Ela, als wir zwischen den Gräbern ihrer Vorfahren stehen. Für mich sehen die Grabstellen im ersten Moment wie chaotische Steinhaufen aus. Aber nachdem die Steine weggeräumt sind, erkenne ich die Grabstellen, die nun mit frischen Blumen geschmückt werden sollen. Außerdem legen Ela und Rene ihren Ahnen noch etwas Gebäck aufs Grab. „Wir müssen alles gut abdecken, denn sonst fressen die Llamas alles weg.“ erklärt Ela, nachdem die Blumen unter den Steinhaufen verschwunden sind. Und dann möchte Ela mir noch die Reste ihres Dorfes zeigen. Die von ihrem Besitzer in den 1980er Jahren stillgelegte Mine wird heute von einer Kooperative wieder bewirtschaftet. Vierzig Minenarbeiten holen hier in Handarbeit das zinkhaltige Gestein aus der Erde. Aber die Häuser ihrer Jugend am Fuße des Mineneingangs sind bis heute verschwunden. Zerstört auf Befehl des damaligen Präsidenten, so sagen die ehemaligen Mineros. „Asi es la vida“, „So ist das Leben“, zuckt Ela mit den Schultern.

Eigentlich ging es uns Mineros hier draußen in den Tälern viel besser als heute in der Stadt. Es hat uns damals an nichts gefehlt. Wir hatten genug zu essen.“ wird mir Ela ein paar Tage später erzählen. „Aber die Arbeit war hart und jedes Mal, wenn die Glocke geschlagen wurde, rannten alle Frauen und Kinder zum Mineneingang, denn dann war wieder ein Mann, ein Sohn, ein Bruder gestorben. Und neben der Glocke war ein Kalender an die Wand gemalt. Hier wurden die Tage ohne Opfer gezählt: Zehn Tage ohne Tote. Zwanzig Tage ohne Tote. Vierzig Tage ohne Tote, aber das war sehr selten.“

Meine Gastfamilie am Fuße des Huyana Potosí

Ela und Rene gehören als ehemalige Mineros zu den „alteingesessenen Aymara-Familie“ von El Alto und darauf sind die Beiden stolz. Trotzdem sind sie nicht reich geworden, so wie die anderen, die Händler,  die Marktfrauen und die Fabrikanten.  Aber die seien auch in ihren eigenen Syndikaten organisiert und hätten den Handel unter sich aufgeteilt. Auch Rene ist als Mikro-Fahrer  in einem Syndikat organisiert. „Doch wegen der ständigen Staus, auch verursacht durc di Händler, die die Strassen mit ihren Marktständen blockieren, läßt sich im öffentlichen Transportwesen hier in der Stadt kaum Geld verdienen,“ erklärt Ela mir einige Tage später einen Grund für ihre geplatzten Träume. „Ich wasche immer noch mit meinen eigenen Händen. Aber wir können unseren Kindern ihr Studium bezahlen. Und das ist das Wichtigste für unsere Zukunft und für die Zukunft unseres Landes: Die Qualifizierung unserer Kinder!“

Tatsächlich ist in El Alto in den letzten Jahr schon eine Mittel- und eine Oberschicht herangewachsen. Es gibt immer mehr Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Architekturbüros, die sich in El Alto inzwischen niedergelassen habe. Und farbenfrohe, fast villenähnlichen Häuschen, die oben auf den Dachgeschossen des ständig anwachsenden Meeres von Hochhäusern thonen. Und die Luxuslimosinen, die durch El Alto kurven. Und dann gibt es noch die anwachsende Zahl von Universitäten. Allerdings: Tochter Tania geht unten in La Paz zur Uni. Das ist ihren Eltern ganz wichtig. Denn unten sei das Ausbildungsniveau höher. Deshalb haben sie ihre Tochter auch schon den langen Weg ins Tal geschickt, um ein Mädchen-Colegio unten im Süden zu besuchen.

Inzwischen ist die El Alto auf wahrscheinlich mehr als eine Millionen Einwohner angewachsen.  Aber so ganz genau weiß das heute niemand. Am 21. November, also in der kommenden Woche wird in ganz Bolivien eine Volkszählung durchgeführt. Schon seit Wochen gibt es in den Medien kein wichtigeres Thema. Durch den Zensus erhoffen auch die Alteños schon bald konkrete Zahlen zur Stadtentwicklung und daraus resultierende neue Infrastrukturmaßnahmen.

Meine Gastgeber haben sich für die nächsten Tage noch viel vorgenommen. Ich soll möglichst  viel von ihrem Alltag kennenlernen, um mir selbst ein Bild davon zu machen, ob  El Alto tatsächlich immer noch nur eine Stadt des Elends und der Betrüger ist. Immer wieder reden die Menschen in El Alto vom Wandel. Dann, so hofft auch Ela, wird ganz El Alto eine wunderbare, wohlorganisierte, saubere und liebenswerte Stadt sein – so wie jetzt schon ihrer ruhiger und wohlgeordneter Stadtteil, die Ciudad Satelite an der Kante hoch über La Paz.

 

 

 

Tagged with →  
Share →
Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: