Randnotiz, 2. Dezember 2012

Was braucht ein stark unterentwickeltes Land, um in den Aufschwung zu kommen? Die Antwort ist in den Andentälern überall ganz offensichtlich: Strassen. Elektrizität. Trinkwasser. Bildung, Bildung, Bildung. Ein funktionierendes Gesundheitssystem. Und ein modernes, also heutzutage digitales Kommunikationssystem. Und damit sind dann auch die bolivianischen Entwicklungsschwerpunkte schon skizziert.

Der Weg durch die Andentäler ist atemberaubend schön, aber nur für schwindelfreie und nervenstarke Fahrer-Innen

Der Weg durch die Andentäler ist atemberaubend schön, aber nur für schwindelfreie und nervenstarke Fahrer-Innen

Nach 2008 und 2009 bin ich erneut auf dem Weg in „meine“ Dörfer Alcalá und El Villar. Dort habe ich einige Monate gelebt, dort kenne ich mich aus. Was hat sich verändert, was und vor allem wer ist geblieben?

Von Santa Cruz aus fahren wir durch das tropische Tiefland zunächst am Fusse der Anden gen Süden, in Richtung Camiri und dann nach Westen in die Andentäler hinein. Grün, grün, grün, so weit das Auge reicht. Hier ist der Bergwald an vielen Hängen noch fast unberührt. Und von atemberaubender Schönheit. Es ist heiss und feucht. Stundenlang sind wir auf einer schmalen Piste unterwegs: Holprig. Staubig in der Trockenzeit. Schlammig und unpassierbar in der Regenzeit. Abenteuerlich. Und tagsüber fast unbefahren.Wir sind auf einem der Hauptverkehrswege zwischen der Wirtschaftsmetropole Santa Cruz, Kleinstädten wie Monteagudo, Padilla, Zudañez und der bolivianischen Hauptstadt Sucre unterwegs.

Strassenbauarbeiten auf dem Weg nach Manteagudo

Strassenbauarbeiten auf dem Weg nach Monteagudo

Nachts allerdings, wenn die Sonne nicht mehr brennt und endlich die Lichtkegel der entgegenkommenden Fahrzeuge schon frühzeitig vor dem Gegenverkehr warnen, dann fahren hier viele Überlandbusse, schwere Lastwagen und vierradangetriebene Privatautos. Die Strecke wird gerade unter Hochdruck und mit brasilianischer Unterstützung ausgebaut. Dann werden endlich auch die Dörfer in den unwegsamen Regionen an die Märkte und Wirtschaftszentren angeschlossen: „Para vivir bién“.

Für ein gutes Leben

Ein gewaltiges Projekt, dass sicherlich noch „algunos diez años“, also einige Jahrzehnte dauern wird. Zu kompliziert die Topografie der engen, bröseligen und steil ansteigenden Berghänge. Allein viermal müssen wir dreitausend Meter hohe Pässe überwinden. Die Piste, ohne jegliche Randbefestigung, sieht aus, als sei sie in die Berggiganten nur leicht eingeritzt. Schwindelerregend. Faszinierend und fragil zugleich. Über diesen Weg schleppten im 17. und 18. Jahrhundert ungezählte Esel- und Maultierkarawananen das Silber von Potosi, also den Reichtum der Spanischen Krone, bis zu den Häfen der südamerikanischen Atlantikküste.

Schmale Piste auf dem Weg von Monteagudo nach Padilla. In der Nacht fahren hier auch schwere LKWs und große Überlandbusse

Schmale Piste auf dem Weg von Monteagudo nach Padilla. In der Nacht fahren hier auch schwere LKWs und große Überlandbusse

Im 20. Jahrhundert war der Ausbau des bolivianischen Strassennetzes von Seiten der regierenden Oberschicht vollkommen vernachlässigt worden. Die weissen Reichen und wohlhabenden Mestizen bewegten sich vor allem fliegend durchs Land und über den Kontinent. Erst die seit 2006 verantwortliche und sich vorwiegend aus der indigenen Mehrheitsbevölkerung zusammensetzende Regierung von Evo Morales begann mit einem konsequenten Ausbau der bolivianischen Infrastruktur. „Para vivir bién“, diese Parole überschreibt im ganzen Land viele Baustelleneinfahrten. Binnen weniger Jahre sind jetzt endlich einige tausend offroad-Kilometer Überlandstrassen im ganzen Land asphaltiert oder zementiert worden. Brücken werden gebaut. Sogar Tunnel. Dasselbe gilt für Trinkwasserleitungen, Erdgasleitungen, Schulen und Gesundheitsstationen. Aber an erste Stelle auf dem Weg in die Modernität steht der Ausbau eines sicheren, modernen Verkehrsnetzes bis in die Dörfer.

Para vivir bién - Die Bauvorhaben werden genauestens ausgeschildert

Para vivir bién – Die Bauvorhaben werden genauestens ausgeschildert

War ich selbst vor fünf Jahren noch sieben bis zwölf Stunden in der Flota unterwegs, um nach Alcalá zu kommen, sind dieselben Busse inzwischen oftmals weniger als vier Stunden unterwegs.

Strassen bringen den Handel voran

In dem 800-Seelendorf Alcalá, einer völlig verarmten Landgemeinde, wo es vor fünf Jahren in den kleinen Geschäften nur selten mal ein paar Bananen, Orangen geschweige denn mal ein Stückchen Käse gab, sehe ich jetzt deutlich mehr Obst, mehr Gemüse, sogar ab und zu Frischmilch, Joghurt und Frischfleisch. Das verbessert die Ernährungssituation der immer noch vielerorts mangelernährten Landbevölkerung.

Krankenstation, Grundschule und Collegio mit angeschlossenem Internat gab es in Alcalá schon vor fünf Jahren. Jetzt ist das Dorf gerade dabei, die Aussenstelle einer Universität zu installieren. Die Regierung möchte die jungen Leute im Dorf halten. Was in anderen Dörfern, die ich kennenlerne, schon überraschend gut funktioniert, droht hier am Veto der Administration zu scheitern. Denn der unbeliebte Bürgermeister hat seine eigenen Probleme: Das im Rohbau stehende Rathaus kann nicht weitergebaut werden, weil der Architekt mit dem Baugeld abgehauen ist.

In Alcalá treffe ich viele vertraute Gesichter. „Schön, dass du mal wieder vorbeischaust,“ begrüßt mich Doña Mercedes mi ihren charmantesten goldzahnigen Lächeln. „Ich habe die Ferse vergessen. Wann strickst du wieder mit mir?“, höre ich von Doña Julia und sie erzählt mir, dass sie nicht mehr in ihrem Lädchen direkt neben der Kirche wohnt, sondern dass sie im Neubaugebiet oberhalb von Alcalá nun ein eigenes kleines Häuschen bewohnt. Zum gemeinsamen Stricken wird diesmal keine Zeit bleiben, antworte ich ihr. Aber die diesjährigen Freiwilligen aus Deuschland, die werden neue Nadelspiele mit ins Dorf bringen. Und wenn der Winter beginnt und die Füsse wieder kalt werden, dann werden die Voluntarier selbst Sockenstrickkurse anbieten. Das kann ich Doña Julia und all den anderen, die mich als „Señora con cinco palillos“ noch aus früheren Jahren kennen, versprechen. (Über „Strickend durch die Anden“ werde ich auch noch berichten – als Randnotiz – aber auch live auf WDR5 in „Neugier genügt“ am 20.12.2012, also einen Tag nach meiner Heimkehr.)

Der Fortschritt ist eine Glühbirne.

Auch auf den Einzelgehöften draussen auf dem Land rund um Alcalá geht der Weg in Richtung Modernität weiter. Viele haben endlich elektrisches Licht und manchmal auch schon einen Fernseher. Jetzt können sich auch die armen Landbauern selbst ein Bild davon machen, was in der Welt passiert. Hier draußen kann Telekommunikation auch Bildung bedeuten. Doch ob die Modernität auch ein Fortschritt hin in ein besseres Leben ist, darüber sind sich zumindest die Alten nicht einig. Wie wird sich das Dorfleben, das Familienleben in Zukunft verändern, fragen sie? Bald soll es Stromleitungen bis in die hintersten Winkel ihrer Landgemeinde geben und damit auch Internet und Handyempfang. Spätestens 2014 soll auch Bolivien seinen ersten Satelliten im Weltall haben, daran arbeiten zur Zeit knapp hundert bolivianische Fachleute ein ganzes Jahr lang in China.

Selbstbestimmt und selbstorganisiert

Limabamba

Limabamba

Eine Busstunde von Alcalá entfernt liegt das in den letzten Jahren neu entstandene Dorf Limabamba. Hier haben sich die Campesinos der umliegenden Einzelgehöfte zusammengefunden, um in Selbstverwaltung und Eigenverantwortung ihre Zukunft zu organisieren. Denn sie haben erkannt, dass sie sich und vor allem auch ihren Kindern die stundenlangen Fußwege ersparen können, wenn sie sich in einer Dorfgemeinschaft zusammenfinden, in der sie sich selbst ein Häuschen oder eine Hütte errichten. Mit offensichtlichem Erfolg: Denn die aktuelle Volkszählung (21.11.2012) – so sickert schon jetzt durch – wird zeigen, dass in dieser Dorfneugründung über 1200 Einwohnern leben, also deutlich mehr als im kolonialen Hauptdorf Alcalá, dass unter Abwanderung leidet. Warum, das könne noch niemand einschätzen, höre ich im Dorf.

Vor der Grundschule von Limabamba. Nathalie Piskorz (4. von links) ist die einzige Voluntarierin im Dorf. Sie unterrichtet in der Grundschule und auf dem Colegio

Vor der Grundschule von Limabamba. Nathalie (4. von links) ist die einzige Voluntarierin im Dorf. Sie unterrichtet in der Grundschule und auf dem Colegio. Heute bekommt sie Besuch vom HI-Team.

Doch auch ich sehe, dass sich dieses noch vor vier oder fünf Jahren armseelige, dunkle, staubige Strassendörfchen Limabamba weiterentwickelt hat. Staubig ist es immer noch. Aber es gibt eine neue, moderne Krankenstation für die medizinische Grundversorgung, eine neue Primarschule für mehr als 300 Kinder und ein Collegio als weiterführendes Bildungsangebot – bei uns würde man sagen – bis zum Abitur. Hier unterstützt die „Weltwärts“-Voluntarierin Nathalie die örtliche Lehrerschaft. Als nächstes soll die Plaza hergerichtet werden. Die ersten Geschäfte gibt es schon. Und am Rande des Dorfes gedeiht seit Jahren eine Apfelbaumplantage. Das ist nicht ganz einfach in dieser Region auf über 2000 m, vor allem, wenn wieder mal Hagel fällt. Aber der längerfristige Erfolg dieser Plantage kann auch für andere Bauern eine Anregung sein, sich von Fachleuten beraten zu lassen, was in dieser Region alles noch erfolgreich angebaut werden könnte. Denn viele Kleinbauern bauen bisher nur an, was für sie selbst gerade so zum Leben reicht.

Frauen organisieren ihre Zukunft

El Villar

El Villar

El Villar liegt noch eine gute Fahrtstunde weiter in die Andentäler hinein. Wie in vielen Dörfern, die in dieser eher trockenen und kargen Bergregion liegen, wirft die Landwirtschaft auch hier nicht viel ab. Trotzdem sind die Kleinbauern auf ihren eigenen Böden, die sie im Zuge der bolivianischen Bodenreform von 1953 zugeteilt bekamen, stolz. Sie fühlen sich mit ihrem kleinen Grundbesitz verbunden, obwohl das Land vielen Campesinofamilien nur gerade eben zur Selbstversorgung und für den kleinen Handel auf dem nächsten Marktplatz ausreicht. Es waren vor allem die Frauen, gut organisiert und erstaunlich selbstbewußt, die in El Villar in den vergangenen Jahren ihre Zukunft selbst in die Hand nahmen und eine Erdnuss-Rösterei, eine kleine Chilipulverfabrikation, sowie ganz neu ein Zentrum zur Verarbeitung von Honigprodukten aufbauten. Mit ersten kleinen, aber hoffnungsfroh stimmenden wirtschaftlichen Erfolgen, so berichten die Einheimischen. Erfreulicherweise ist mittlerweile der süsse, rote oder gelbe Chili aus El Villar bolivienweit für die feinen “Picante”-Speisen bekannt und geschätzt oder die natürlich angebauten, grossen gerösteten Erdnüsse kennen sogar nach Europa exportiert werden. Damit fliesst erstmals unabhängiges Einkommen direkt den Frauen und damit zum Aufziehen der Großfamilien zu, da oft die Väter einen unschönen Teil des Verkaufs aus dem Ackerbau im wahrsten Sinne des Wortes “versaufen”.

Aber der Müll…

Ein immer noch ungelöstes Problem ist der Müll. Wie kann man ein Land mit Plastikverpackungen, Batterien und hochgiftigen Energiesparlampen überhäufen, also dorthin exportieren, ohne auch für die Abfallentsorgung zumindest mitveranwortlich zu sein? Eine Frage an alle Industrienationen, die bisher niemand durch verantwortungsvolle Müllverbrennungs- und Recyclingprogramme beantwortet hat. In den bolivianischen Dörfern wissen sich die Menschen nicht anders zu helfen, als den Müll zu verbrennen, zu vergraben oder in den Fluß zu kippen. Es bleibt noch viel zu tun in Bolivien. Denn nur mit der Natur gibt es das “vivir bien” – also das nachhaltige gute Überlebende in der Gemeinschaft.

 

 

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7 Responses to „Para vivir bien“ – Für ein gutes Leben

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