Linea 51 in Santa Cruz

Randnotiz aus Bolivien. 12.Oktober 2012.

Mit weit ausgebreiteten Armen klebt „El Señor“, die Christusfigur, an der Frontscheibe und das ist auch gut so, denke ich, denn ein bisschen himmlischer Schutz ja kann nie schaden. Der „Micro“, den ich an der Avenida Alemana mit einem leichten Handwinken angehalten habe, fährt direkt ins Stadtzentrum. Wo ich aussteigen muss, um an die Plaza Principal zu gelangen, werde ich später genauer erfragen, denn es bleiben noch mindestens zwanzig Minuten Fahrzeit. Festgelegte Haltestellen, wie wir sie kennen, gibt es im bolivianischen Stadtverkehr nirgends. Es reicht ein deutliches „¡Pare!“ (Halten) oder „¡ La proxima esquina!“ (an der nächsten Ecke – bitte), um überall aussteigen zu können.

Alle fünfzehn Sitzplätze im Kleinbus sind schon dicht besetzt. Aber für meine knapp 165 Höhenzentimeter gibt es einen Stehplatz direkt hinter dem Fahrer. Mit der Linken an die Haltestange geklammert, rückseitig an der Rücklehne des Beifahrersitzes abgestützt, kann ich mich soweit zusammenfalten, dass ich nicht mit dem Kopf gegen das Busdach knalle. Ein wirklich komfortabler Platz! Kommunikativ ist er außerdem, denn meine Aufgabe bis zum Ausstieg wird es sein, mit meiner freien rechten Hand immer wieder die Zweipesosmünzen (= 2 Bolivianos) der Hinzusteigenden an den Busfahrer weiterzureichen und das Wechselgeld dann nach hinten zurückzugeben. 1,80 Bs kostet die Fahrt für Erwachsene, 1 Bs für Schüler und Studenten. Ungefähr 8 Bolivianos sind 1 Euro.

Zwischendurch bleibt Zeit, mich umzuschauen: Neben dem Busfahrer beispielsweise sitzt eine junge Frau, die den Fahrgästen fettgebackene Salteñas (Teigtaschen) zum Verkauf anbietet. Den Korb mit den gefüllten Backwaren, mit Plastikflaschen voller Majonäse, Ketchup, Senf und bereitliegenden Papierservietten hält sie zwischen die Knien geklemmt. Das Kind neben ihr schlürft aus einem durchsichtigen Plastiktütchen Mocochinchi, ein süsses Saftgetränk aus getrockneten und anschließend gekochten Pfirsichen. Dort, wo die Fahrt ins Stocken gerät, können sich die Fahrgäste auch Nüssen, Chips oder Getränken gegen kleine Münze durchs offene Fenster reichen lassen.

Die geöffneten Fenster sorgen außerdem dafür, dass es trotz 35 Grad warme Frühlingsluft im Bus gut zirkulieren kann. Tropikale Schönheiten, tiefdekoltiert und aufwendig geschminkt, tippen in ihre Mobiltelefone und bekreuzigen sich in Höhe jeder Kirche, an der wir vorbeikommen. Junge Mädchen mit langen Zöpfen und traditionellen Faltenröcken, wie sie die Indígenas im westlich kühleren Hochland tragen, beladen mit Kleinkindern und schweren Einkaufstüten, schauen schweigend nach draußen. Eine junge Mutter mit dem faltenzerknitterten Gesicht einer Greisin stillt ihr Baby.

Dass im Bus vorwiegend Frauen mit Kindern unterwegs sind, mag daran liegen, dass gerade ein wichtiges südamerikanisches Vorauswahlspiel zur Fußballweltmeisterschaft zwischen Bolivien und Peru stattfindet. Die Cafés und Restaurants, aber auch viele Geschäfte, an denen wir vorbeifahren, sind bis weit auf den Bürgersteig hinaus von Zuschauern eng umrundet: denn dort gibt es kostenloses Fernsehen für alle.

Dass für viele indigene Bolivianer heute außerdem ein besonderer Feiertag ist, davon ist im Zentrum von Santa Cruz nichts zu spüren. Vielleicht draußen in den Armenvierteln der Stadt? In La Paz, dem bolivianischen Regierungssitz hoch oben in den Anden, wird heute auf jeden Fall gefeiert, so lese ich in der Zeitung. Dort erinnert der Vielvölkerstaat Bolivien heute mit einem rituellen Festakt an die lange verdrängte Geschichte von Eroberung, Kolonialismus und Ausbeutung des Landes.

Vor einem Jahr hatte Evo Morales, der erste indigene Präsident des Landes, den 12. Oktober – bisher von der weißen Oberschicht stolz als „Kolumbus-der Entdeckertag“ gefeiert – zum „Tag der Entkolonisierung“ umgewidmet und dazu sogar ein eigenes Vize-Ministerium, zur Rückkehr an die originären Wurzeln der ursprünglichen Einheimischen, in seiner Regierung eingerichtet.

An diesem Freitagnachmittag hält sich das Verkehrschaos in der Zweimillionenstadt noch in Grenzen. Rumpelt, wankelnd und mit bewundernswerter Behendigkeit kommt der Bus voran. Zweispurige Strassen werden mindestens in Dreierreihen befahren. An Ampeln wird durchaus auch mal angehalten. Und als eine Ambulancia mit lauter Sirene auf sich aufmerksam macht, schaffen es die Autofahrer tatsächlich eine „vierte“ Spur freizumachen, um den Krankenwagen zügig durchzulassen.

Es gibt keine kommunalen Verkehrssysteme in Bolivien, so wie wir sie in Europa kennen. Taxis, Micro-Busse und Trufis (Gemeinschaftstaxi) ermöglichen den öffentlichen Nahverkehr. Dazu kommt die rapide steigende Anzahl von Privatautos für den Individualverkehr. Und weil in Santa Cruz viele, viele Taxis und Autos mit Gas fahren, ist die Luft hier noch erträglich. Anders als in La Paz beispielsweise, wo gasbetankte Fahrzeuge die steilen Strassen niemals hochschaffen würden.

Und, auch anders als in anderen bolivianischen Städten, Santa Cruz hat das verkehrstechnische Glück, dass um das historische Zentrum herum die neuen Stadtviertel im wahrsten Sinne des Wortes Ring um Ring erweitert wurden. So ist Santa Cruz in den letzten 50 Jahre um sieben, acht Ringe angewachsen und durch so viele Ausfallstrassen nach außen und sternförmig verbunden, dass der Verkehr angesichts der Masse noch erstaunlich gut fließen kann.

Auf diesen „anillos“ wiederum sorgen die sogenannten Trufis und Kleinbusse im kürzesten Minutentakten für einen erstaunlich gut funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr. Vorausgesetzt, man läßt sich auf diese kleinen, oft gammeligen, schrottigen Fahrzeuge ein. Schließlich sind aber nur diese für die Mehrheit bezahlbar. Eine Fahrt beispielsweise von einem Ende der Stadt bis zum anderen kostet circa -,25 Eurocents. Ein solches sich „rum-fahren-lassen“ allerdings können sich die privilegierten Cruzeños nicht vorstellen und setzen auf den eigenen vierradangetriebenen Geländewagen, für ihre Kinder gar oft mit privatem Fahrer.

„¡Pare por favor!“ Es klappt. Der Kleinbus hält an. Hilfsbereit weisen mir die anderen Fahrgäste noch die Richtung. Gleich werde ich irgendwo im Schatten auf der Plaza sitzen und einen kleinen süssen Kaffee trinken.

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