Eine abschließende Randnotiz aus Sucre, Bolivien – und ein erstes Live-Gespräch in WDR5, Köln (als Podcast zum Nachhören, siehe unten)

Es begann auf einer Holzbank in Alcalá. Meine erste Strick-Schülerin Dona Mercedes

Es begann auf einer Holzbank in Alcalá. Meine erste Strick-Schülerin Dona Mercedes.

“Ich habe die Ferse vergessen. Wann strickst du wieder mit mir?”, begrüßt mich Doña Julia, greift nach meiner rechten Hand, legt mir ihre Linke auf die Schulter und küsst mich auf beiden Wangen. Da bin ich also wieder. In Alcalá, in „meinem“ Dorf. Hier fing es an. Auf der Plaza und in der Kirche. Das Projekt mit den fünf Nadeln. Doña Julia hatte damals die Schlüssel zu den Kirchenräumen. Und so haben wir uns wochenlang getroffen umd dort gemeinsam zu stricken. Mit immer neuen Frauen und jungen Mädchen. Bis die Nadelspiele in ganz Sucre ausverkauft waren. Doña Juli hat mich damals das Spinnen mit einen hölzernen Handspindel gelehrt und ich hatte damit für viel Heiterkeit unter den Frauen und Kindern gesorgt. Im Gegenzug zeigte ich den Dorffrauen und Campesinas vom Land, wie man mit fünf Nadeln, con cinco palillos, Socken stricken kann. Sin costura. Ohne Naht. Und die Nadelspiele öffneten mir viele Türen, lösten Zungen, ermöglichten Nähe ohne große Worte. Von Socke zu Socke bekam ich mehr Einblick in den Alltag der oft recht scheuen, verschlossenen Quechua-Landfrauen. Und in die Herzen der mitstrickenden Dorflehrerinnen, die nun in den abgelegenen Tälern unterrichteten, aber noch vom Stadtleben träumten.

Als ich ein Jahr später mit 250 Nadelspielen im Gepäck zurückkehrte, strickte ich mit neuen Schülerinnen weiter. Am ersten Tag das Bündchen. Am zweiten Tag die Ferse. Am dritten Tag die Spitze und der Anfang der zweiten Socke. In Schulen, Krankenhäusern, auf der Plaza, auf dem schattigen Innenhof meiner Schülerinnen, aber auch am Strand der Sonneninsel. „El proyecto de los cinco palillos“ brachte mich in viele Dörfer zwischen dem Titicacasee und den Andentälern.

Jetzt bin ich wieder zurück und insbesondere in Alcalá und dem jetzt nur noch eine Busstunde entfernten El Villar fühle ich mich einerseits so, als sei ich nur ganz kurz fort gewesen. Ich erkenne viele Gesichter wieder und einige meiner ehemaligen Schülerinnen fragen mich, wann wir wieder zusammen stricken können. Auf der anderen Seite beobachte ich hier draußen, in den jahrzehntelang vollkommen verarmten und vernachlässigten Andentälern, die deutlich voranschreitende Entwicklung (siehe letzter Bericht). Mehr Infrastruktur, weniger Armut. Aber noch immer ist es ruhig  hier in den Dörfern. Und damit ist vor allem das Alltagsleben selbst gemeint. Das ist beschaulich, entspannt und langsam geblieben, trotz Mobilfunkantennen und deutlich mehr Automobilen. Die Familie, die Freunde, die Feiern und die Ruhe, das sind die Werte, die den allermeisten Bolivianern immer noch viel wichtiger sind als Zeit-Effizienz und Gewinnstreben.

Strickstunde im "Weltwärts"-Zwischenseminar im HI-Bolivia von Sucre

Strickstunde im „Weltwärts“-Zwischenseminar im HI-Bolivia von Sucre

Weiterstricken. Con cinco palillos. Mit Nadelspielen, wie ich sie auch diesmal wieder als Spende (von Prym) aus Deutschland mitbringen konnte. Dicke Socken. Feine Strümpfe. Vielleicht irgendwann auch Handschuhe. Weiterstricken werden diesmal die Voluntarier, die mit Weltwärts gekommen sind, um ein Jahr in Bolivien zu leben und in Sozialprojekten zu arbeiten. Hatten sich noch 2008 viele der deutschen Freiwilligen, denen ich in den Dörfern begegnet war, die eigene Handarbeit mit fünf Nadeln nicht zugetraut, so ist diesmal ganz anders.

In der Zwischenzeit ist nämlich die neue Strickbegeisterung auch in Deutschland angekommen. Und deshalb treffe ich schon bei meiner Ankunft in Sucre, wo die HI-Bolivia ihren zentralen Treffpunkt haben, auf einige mit zwei Nadeln strickende Voluntarier.

Maschen aufnehmen. Der Anfang ist immer am schwersten.

Maschen aufnehmen. Der Anfang ist immer am schwersten.

Ich biete einen Sockenkurs an und stosse auf ungeahnt großen Zuspruch. Binnen einer knappen Woche stricken 18 junge Frauen und Männer an ihren ersten Socken und fast alle schaffen es vom Bündchen bis zur Spitze. Zunächst zum Üben für die eigenen Füsse. Später vielleicht auch für die Freunde und Familien zuhause. Denn via Facebook haben die meisten von ihnen sofort auch aus der winterlichen Heimat lobenden Zuspruch bekommen.

Viele von ihnen haben zum ersten Mal eine eigene Handarbeit in den Fingern und nach anfänglichen Schwierigkeiten, fünf Nadeln und ein Wollknäuel zu handhaben, ohne entweder dauern die palillos vom Boden aufzusammeln oder sich in der Wolle zu verwirren, entstehen die ersten eigenen Socken. Allein schon ihr stolzes Lächeln bei der ersten Anprobe beweist mir, dass sich die vielen gefallenen Maschen, die ich für die Strickanfänger wieder aufstricke, gelohnt haben. Für sie selbst und auch für die Menschen, die in den Dörfern bald wieder in Sockenstrickrunden zusammen kommen werden.

Strickuntericht. Später wollen die VoluntarierInnen an ihren Einsatzorten selber das Sockenstricken mit fünf Nadeln unterrichten.

Strickuntericht. Später wollen die VoluntarierInnen an ihren Einsatzorten selber das Sockenstricken mit fünf Nadeln unterrichten.

In Bolivien beginnt gerade der Hochsommer, deshalb kann sich kaum jemand im Weltwärts-Teamvorstellen, wie kalt es im März und April werden kann. Nur die Voluntarier von der Sonneninsel im Titicacasee ahnen es schon jetzt. Denn auf 3600 wird es kalt, sobald die Sonne weg ist. Aber selbst im tropisch-heissen Tiefland kann der Südwind antarktische Kälte die Temperaturen empfindlich abstürzen lassen. „Dann bleiben die meisten in ihren Betten und warten die Kälte vorbei ist,“ wissen diejenigen, die den „Sur“ unten im Tiefland schon miterlebt haben.

Die mitgebrachten, neuen Nadelspiele teilen wir am Ende des Sockenstrick-Kurses unter den Einsatzstellen auf. Manche Freiwilligen schreiben sogar nach Hause, um dort um noch mehr Stricknadeln zu bitten. Denn schon jetzt wird vielen Strickbegeisterten klar, dass meine mitgebrachten Nadeln nicht ausreichen werden.

Nach Karneval, wenn die meiste Arbeit auf den Feldern getan ist, und wenn das gro゚e Feiern vorbei ist, möchten die neuen „Profesores de los cinco palillos“ loslegen. Dann werden sie ihre eigenen Kurse anbieten. Die fünf Nadeln gibt es, solange der Vorrat reicht, für jeden neuen Teilnehmer kostenlos. Dafür müssen sie dann ihre eigene Wolle mitbringen.

Ich selbst bin sehr gespannt, wie das Socken-Projekt in den Händen der jungen VoluntarierInnen weitergeht. An Motivation, Ideenreichtum und Geschicklichkeit wird es den zukünftigen ProjektleiterInnen nicht fehlen. Da bin ich mir ganz sicher.

Rodolfo Avendaño, Schulleiter des IPEPRO, einer polytechnischen Bildungs- und Erziehungseinrichtung für ehemalige Schulabrecher in El Villar, hatte 2009 auf mein Erstaunen , dass auch er für seine Schüler um Strickuntericht nachfragte, seine eigene Begeisterung mit folgenden Worten erklärt: „Ich sehe darin die gute Chance, bereits nach kurzer Zeit Strümpfe und Strickerzeugnisse herstellen zu können. Sinnvolle Produkte, die in der Familie genutzt oder später sogar verkauft werden können. Damit stünden die SchulungsteilnehmerInnen mit einfachsten Mitteln vor der Möglichkeit, selbst eine gewerbliche Kleinstfirma zu gründen. Solche Initiativen sind natürlich ideal für unsere oft etwas ungeduldigen Jugendlichen, die das schnelle Geld suchen, sich oft von den einfachen Verdienstmöglichkeiten verleiten lassen und damit kurzfristig denken. Deshalb ist gerade diese Initiative der Stricknadeltechnik für alle bolivianischen Dörfer äußerst sinnvoll.“ (mehr dazu – siehe: Mosaico Boliviano)

Deshalb wird diese kleine Geschichte, die mit meinen eigenen kalten Füßen begann, jetzt auf vielen Sohlen in einem nächsten Kapitel weitergehen. Denn auf so viele hoch motivierte junge Leute kann man sich verlassen. Davon bin ich überzeugt.

Tania ist stolz auf ihr erstes paar selbstgestrickte Socken. Im 4100 m hochgelegenen El Alto bekommen auch die Einheimischen schnell kalte Füße.

Tania ist stolz auf ihr erstes paar selbstgestrickte Socken. Im 4100 m hochgelegenen El Alto bekommen auch die Einheimischen schnell kalte Füße.

Nachtrag:

Während meiner zwei Novemberwochen in El Alto/La Paz habe ich auch dort mit Doña Ela, ihren Schwestern und Freundinnen gestrickt. Für mich waren das gemütliche Plauderstunden. Für die Aymara-Frauen aber ein Impuls zu einer neuen Geschäftsidee: Doña Ela möchte für das kommende Jahre viele, viele winzige kitschig-rot-weisse Söckchen stricken. Jeweils 24 Strümpfchen an einem goldenen Faden aufgehängt, ergeben je einen Adventskalender, überlegt sie. Adventskalender sind im Hochland so gut wie unbekannt und deshalb erhofft sie sich auf den Märkten von El Alto eine bescheidene, zusätzliche Einkommensquelle. „Die Leute hier geben für solche Neuheiten gerne etwas Geld aus. Aber sie werden die Idee dann auch ganz schnell kopieren.“ Vielleicht, so überlegt die „Dirigente“, also die Anführerin der Landfrauen ihrer Heimatregion Laja (eine Bus-Stunde von ElAlto entfernt gelegen) weiter, können ihre Schwestern und Campesinas draußen in Laja mitstricken, um sich selbst auch ein kleines Zubrot zu verdienen.

„Kleiner Einsatz – große Ideen,“ denkt sich Doña Ela. Aber viel wichtiger, so erzählt sie mir zum Abschied, seien für sie die Strickabende selbst gewesen. „Als wir beide abends, in dicke Wolldecken gehüllt, in meinem Häuschen zusammen mit den vielen Frauen gestrickt und geplaudert haben, da fühlte ich mich an meine Kindheit erinnert. Wir haben uns zuhause oft versammelt und gehandarbeitet. In Zukunft wollen wir uns ein Mal in der Woche treffen und zusammen stricken.“

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ngshaft warmen Sucre kalt werden, aber auch den den jetzt noch tropisch-heißen Regionen bringt der kalte Polarwind kalte Füße mit.

… und das ist Claras erste selbstgestrickte Socke. Während der Regenzeit wird es auch im noch frühlingshaft warmen Sucre kalt werden, aber auch den den jetzt noch tropisch-heißen Regionen bringt der Polarwind kalte Füße mit.

… und ein erstes Live-Gespräch in „Neugier genügt“, WDR5, Köln (als Podcast zum Nachhören)

 

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3 Responses to Strickend in den Anden. Zum Nachlesen …

  1. […] als guter Anknuepfungspunkt und erstes Gespraechsthema erwiesen. Zudem wollen wir gerne Judiths Strick-Projekt weiterfuehren, bei dem wir unsere neu erworbenen Strickkenntisse an Bolivianer weitergeben wollen. […]

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