Ein Feature von Judith Grümmer

Fünf Stricknadeln, „cinco palillos“ und etwas Wolle öffnen Türen, lösen Zungen, ermöglichen Nähe ohne große Worte. Sieben Monate lebt und arbeitet die Autorin als Freiwillige in Bolivien, paukt die Sprache, entdeckt das Land und bekommt eine ungeahnte Aufgabe: Dorffrauen bitten sie, ihnen das Sockenstricken zu zeigen. Beim gemeinsamen Nadelspiel wird die Beobachterin zur Sammlerin bolivianischer Alltagsgeschichten.

Ein Jahr später hat der Fortschritt neue Straßen, Internet und Mobiltelefon in die abgelegenen Dörfer gebracht. Es wird investiert, gebaut und verbessert. Die Nachfahren der einstigen Sklaven beginnen die Zukunft Boliviens mit ihrem Wahlrecht, durch Schulbildung, Eigeninitiative und Kreativität zu gestalten.

Zukunftsprojekte, wie das mit gestrickten Strümpfen Minijobs zu entwickeln, gibt es viele. Für ihr Gelingen bitten die Dorfältesten in uralten Ritualen mit Kokablätter und Chicha aus vergorenem Mais um die Gunst von Pachamama. Denn die Mutter der Erde bleibt auch in Internetalter die Beschützerin vieler Bolivianer.

Eine Produktion des Deutschlandfunk 2010

Ein Feature von Judith Grümmer, Westdeutscher Rundfunk, WDR5

Wer Alcalá und El Villar in Bolivien auf der Landkarte finden will, muss schon ganz genau hinschauen. Die beiden Dörfer liegen fünf und sieben Busstunden von der nächsten Stadt entfernt – und sehr weit von der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Hier geht das Leben seinen ganz eigenen Gang, geprägt durch harte Arbeit und viele Feiern. Doch die Menschen träumen nicht nur von einem besseren Leben. Die Aktiven im Dorf setzen der anhaltenden Landflucht tatsächlich etwas entgegen. Und so wächst mit dem allmählichen Fortschritt, mit Elektrizität, Internet und Telefon auch die Überzeugung, dass sie jetzt endlich auch hier die Zukunft Boliviens mit gestalten können.
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2010.

In der Reihe „Erlebte Geschichten“, Westdeutscher Rundfunk, WDR 5
Autorin: Judith Grümmer, Redaktion: Mark vom Hofe

Eva de Vilar hieß noch Kassewitz und war neun Jahre alt, als sie mit ihren Eltern die „Patria“ bestieg, das Schiff, das ausgerechnet auf den Namen „Vaterland“ hörte, mit dem sie Deutschland und Europa nach Bolivien verließ. 1930 in Pforzheim geboren, verlor ihr Vater 1933 aus „Rassegründen“, wie sie sagt, seine Arbeit. In Leipzig an einer israelitischen Schule erhielt er eine neue Beschäftigung. Dort lebte die Familie, bis die Reichskristallnacht 1938 das endgültige Aus bedeutete und Evas Vater verhaftet und für fünf Wochen nach Buchenwald geschickt wurde. Durch glückliche Umstände und über entfernte Familienbande ergab sich die Möglichkeit, nach Bolivien auszuwandern, wo die Familie in Sucre leben und der Vater in einer Möbel- und Zigarrenfabrik Arbeit finden sollte – das Visum betrachtete die Familie trotz der ungewissen Zukunft als eine große Befreiung.
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2010.

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