Das Feature im Deutschlandfunk, 30. August 2013. Aus der Reihe Ortserkundungen: Barocke Klänge aus dem Dschungel

Von Judith Grümmer

Zum NACHLESEN

«Das ich aber das glück gehabt in disse missiones geschicket zu werden, hatt nit wenig darzu geholffen, weillen ich die music verstehe, und erkenne erst ietz, warumb die göttliche vorsichtigkeit geordnet, das ich in meiner jugend die music lehrnete, damit ich nemblich aus dissen Indianern nit nur fromme und eyfferige christen, sondern auch musicanten machen sollte, als welche bishero noch kein music nach der kunst oder die noten gesehen oder gehöret haben.» (Martin Schmid, 1730)

Der Schweizer Jesuitenmönch Martin Schmid war der erste. Er machte sich 1728 auf die Reise in den bolivianischen Dschungel, um die Ureinwohner zu missionieren – ohne Schwert, einzig mit Musik, Kirchenkunst und Bibel.

Tatsächlich schafften es die Jesuiten, die bis dahin als Nomaden lebenden Chiquitanos in Missionsdörfern anzusiedeln und rund 70 Jahre lang vor der blutigen Unterwerfung durch die spanischen Eroberer zu schützen. Zum Dank bewahrten die Chiquitanos das Erbe der Jesuiten.

Heute hat jedes Chiquitano-Dorf nicht nur seine eigene Barockkirche, sondern auch ein Jugend-Barockorchester. Die barocke Musik ist unterdessen auch in den Armenvierteln der Städte angekommen. Die 70 Musikschüler von San José de Chiquitos werden von Ronald Chinchi unterrichtet.

Der 25-jährige Geiger Ronald Chinchi stammt aus einer bettelarmen Familie; die Musik verlieh ihm Kraft und Lebensmut. Inzwischen steht er am Beginn einer internationalen Karriere.

Das Manuskript finden Sie beim Deutschlandfunk

Randnotiz, 1. Dezember, Comunidad Alcalá

Das Wichtigste: Ein dreikammriges Klärsystem

Das Wichtigste: Ein dreikammriges Klärsystem

Eine Kloschüssel über einem Loch aufzustellen, das ergibt ja noch keine ordentliche Toilette,“ höre ich, als ich in Mulacancha das kleine blaugestrichene Sanitärhäuschen öffne: Ein stilles Örtchen für die Mädchen, eins für Jungs. Davor jeweils ein Handwaschbecken, ein separater Duschraum und hinter dem Häuschen: die dreikammrige Güllegrube. Auf die in den Erdboden eingelassenen drei Betondeckel macht mich Max Steiner, der in mehr als 10 Jahren eine Freiwilligenorganisation in Bolivien aufgebaut hat, besonders aufmerksam.

Die Klärung des Abwassers sollte auch hier auf dem Land unbedingt dazugehören, wenn man ein Toilettenhäuschen baut. Auch, um aufzuzeigen, wie Schwarzwasser geklärt werden kann. Allerdings kostet die Abwasserentsorgung dann auch so einiges.“ Das Geld dafür kommt aus dem Spendentopf der Kölner Europaschule. Denn die Schulkinder aus dem fernen Alemania und die aus Mulacancha hatten dasselbe alltägliche und allzu menschliche Bedürfnis: Ein sauberes Örtchen.

Ein stilles Örtchen für die Schulkinder

Ein stilles Örtchen für die Schulkinder

Der schlimme Zustand veralteter, deutscher Schüler-Toiletten ruft seit Jahren in vielen deutschen Kommunen und Städten die Eltern und Schüler auf den Plan. So auch in der Kölner Europaschule. In Bolivien dagegen wagen viele Campesinos bis heute kaum davon zu träumen, dass auch die abgelegenene Landschulen mal ein einfaches Klo bekommen könnten. Hier gehen viele Menschen bis heute bei Wind und Wetter in die Büsche oder aufs Feld.

In Köln nahmen sich Schulpflegschaft und Förderverein also irgendwann die Sanierung eines der maroden Toilettentrakte vor. Sie wollten nicht länger warten bis die verschuldete Stadt endlich die nötigen Mittel freigeben würde. Stattdessen ergriffen sie Eigeninitiative. Seit 2009 gibt es nun schon in der Kölner Europaschule eine moderne Toilettenanlage. Und eine während der Schulstunden aufsichtsführenden Fachkraft, die dafür sorgt, dass die Toilette sauber, und damit benutzbar bleibt. 

In der Kölner Europaschule war schnell beschlossen worden, am eigenen stillen Glück auch eine Schule in Bolivien teilhaben zu lassen. Die 10 Eurocents, die die Kinder in Köln pro Toilettenbesuch bezahlen, – so die Anregung eines Schülers, der just von einem Schüleraustausch aus Bolivien zurück gekommen war – wuchsen so im Laufe der Zeit zu einem Spendensümmchen an, mit dem dann auch eine Toilette für Mulacancha realisiert werden konnte.

Wenn wir hier draußen in den abgelegenen Andenregionen die Landgemeinden darin unterstützen, Schulen und Kindergärten zu bauen, dann darf natürlich auch die Toilette nicht fehlen,“ so Max Steiner. Die gemeinnützige Stiftung, Hostelling International Bolivia, die der Schweizer-Bolivianer aufgebaut hat, steht für interkulturellen Austausch, Sprachkurse und soziales Engagement. Zu HI-Bolivia werden u.a. Voluntarier von „Weltwärts“ und dem „Internationalen Jugendfreiwilligendienst“ entsendet, um sich dann in Bolivien in sozialen und ökologischen Projekten zu engagieren.

Die Landschule von Mulacancha

Die Landschule von Mulacancha

Mulacancha ist eine der vielen in den letzten Jahren neu entstandene kleinen Landschulen, die nötig sind, damit nun auch die Kinder aus den weit vom Hauptdorf abgelegenenen Einzelhöfen regelmäßig zur Schule kommen können. Auf Initiative zweier Ex-Voluntarier kam in den letzten zwei Jahren ein Kindergarten hinzu, finanziert aus Spendengeldern aus dem Umkeis der beiden ehemaligen Freiwilligen. Und daneben das blaue Klohäuschen mit der dreikammrigen Güllegrube, realisiert dank der gesammelten Spenden aus Alemania. So ist die „Klogeschichte“ aus Köln auch für eine bolivianische Kleinschule zur „Erfolgsstory“ geworden, denn ein stilles, sauberes Örtchen ist für viele weltweit ein menschliches Grundbedürfnis.

Und die Geschichte geht weiter: Ganz aktuell ist die Küche modernisiert worden: nun gibt es fließendes Wasser. und auch die qualmende Kochstelle ist durch eine neue ersetzt worden. Für die gesunde Entwicklung bolivianischer Campesinokinder ist nicht nur Bildung, sondern auch ein warmes, gesundes Mittagessen wichtig, bevor sie sich dann wieder auf den immer noch stundenlangen Rückmarsch zu ihren Familien machen.

Fließendes Wasser (mit Max Steiner)

Fließendes Wasser (mit Max Steiner)

Gab es vor Jahren einzig in den Hauptdörfern der bolivianischen Landgemeinden überhaupt eine kleine, oft vom bolivianischen Staat vernachlässigte Schule für Campesino-Kinder, so wird das Bildungssystem in den letzten Jahren endlich fast flächendeckend ausgebaut. Jetzt kann auch die überwiegende Mehrheit der indigenen Kinder in den abgelegenen Teilen Boliviens endlich ihr Grundrecht auf Bildung wahrnehmen. Allerdings fehlen vielerorts noch ausreichend Lehrer, um einen qualifizierten Unterricht auf die Beine zu stellen. Deshalb bitten immer mehr Landgemeinden um Schulassistenten. Die gute Erfahrung der vergangenen Jahre, in denen Freiwilligen beispielsweise von „Weltwärts“ oder aus dem Programm des „Internationalen Jugendfreiwilligendiensts“ für die Dauer jeweils eines Jahres die Lehrerschaft der Landschulen unterstützt oder auch den Aufbau erster Kindergärten mitinitiiert haben, das hat sich bis in die abgelegenen Täler der bolivianischen Anden herumgesprochen. Aber auch außerhalb der Arbeitsstunden sind die jungen Leute aus Deutschland vorallem in den kleinen Dörfern höchst willkommen: Zum Gedankenaustausch, für gemeinsame Freizeitaktivitäten und auch zum Mitfeiern. Denn nirgends in Südamerika, so behaupten die Einheimischen von sich selbst, wird so viel gefeiert wie in Bolivien.

 

Eine neue rauchfreie Kochstelle in Mulacancha

Eine neue rauchfreie Kochstelle in Mulacancha


 

 

 

 

 

 

 


Randnotiz aus Bolivien, 19. und 21. November 2012

Blick über La Paz, von El Alto aus.

Ein letzter Blick zurück auf die verschneiten Berggipfel der Königskordilleren, während der Bus sich die steilen Strassen von La Paz qualmend hinauf quält. Dann eine stundenlange, rasendschnelle Fahrt über die fast topfebene Hochfläche der Anden.

Im letzten Licht der untergehenden Sonne bearbeiten die Bauern ihre winzigen Felder. Postkartenidylle auf dem Altiplano. Jetzt, nach den ersten Regenfällen, können sie endlich mit der Saat beginnen: Kartoffeln, Bohnen, Zwiebeln und Gerste als Beifutter für´s Vieh. Die meisten Kleinbauern beackern hier oben ihr Land von Hand oder mit Hilfe von Ochsen. „Traktoren sind viel zu teuer und hier auf den mageren Böden auch nicht wirklich hilfreich,“ hat Doña Ela mir noch vor ein paar Tagen erklärt. Soweit das Auge reicht wechseln sich – auf 4100 Meter – jene Farben ab, die die brennende Sonne und die monatelange Trockenheit übrig gelassen hat: Ocker, Braun, Schwarz, Mattgelb. Erdtöne in allen Schattierungen.

Entlang der Strasse reihen sich lehmfarbene Hütten und ziegelrote, unverputzte Wohnhäuser, Autowerkstätten, kleine Geschäfte und einfache Übernachtungsmöglichkeiten aneinander. Dazwischen mal eine kleine Schule, mal eine Krankenstation. Aus diesem Einerlei von Naturtönen stechen hin und wieder blau-weiß oder weiß-rot gepinselte Mauern hervor, Werbeflächen für Mobilfunk und Limonade.

Strassenblockaden

Altiplano - Bauerngehöft vor den schneebedeckten Kordilleren

Altiplano – Bauerngehöft vor den schneebedeckten Kordilleren

Nach zwei Wochen in El Alto bin ich jetzt auf dem Weg nach Santa Cruz de la Sierra, in die tropische Wirtschaftsmetropole Boliviens. Normalerweise dauert die Fahrt fünfzehn Stunden. Doch anhaltende Strassenblockaden haben die Busgesellschaft dazu veranlaßt, ihren Fahrplan umzustellen: „Wir werden die „alte Strasse“ quer durch die Berge nehmen müssen,“ wird vor der Abfahrt angekündigt, „um die gut ausgebaute, aber blockierte Fernstrasse zu umfahren.“ Das bedeutet: Neunzehn Stunden Fahrzeit. Aber die Fahrgäste nehmen es gelassen. Jeder, der in Bolivien seinem Protest-gegen-was-auch-immer energisch Ausdruck verleihen möchte und die Gelegenheit hat, eine vielbefahrene Strasse blockieren zu können, der nutzt dieses politische Instrument, um seine eigenen Interessen jenseits demokratischer Mehrheitsbildungen durchzusetzen.

Warum die gut ausgebaute Strecke zwischen La Paz und Santa Cruz zur Zeit blockiert wird? Bei den zahlreichen Blockaden der vergangenen Tage habe nicht nur ich den Überblick verloren. Zur Zeit geht es wohl vorallen um die Arbeitssituation der Lkw- und Bus- und Taxisfahrer, aber auch um Streitigkeiten einzelner Gemeinden bei der kommunalen Grenzziehungen im Vorfeld der Volkszählung. Denn der anstehende Zensus verspricht, je nach Einwohnerzahl, mehr Geld für Infrastrukturmaßnahmen im Gemeindehaushalt.

La Siberia”

Abenddämmerung: Nebel fließt über die Berggipfel von "La Siberia"

Abenddämmerung: Nebel fließt über die Berggipfel von „La Siberia“

Statt also wie geplant über die asphaltierte Strecke 450 Kilometer lang schnurgerade im Andenvorland unterwegs zu sein, superbequem in einem modernen Schlafbus, fahren wir nun in einem kleineren, wendigeren, aber auch rappeligeren Alt-Modell über die unbefestigte, schmale „La Siberia“. Die alte Strassenverbindung zwischen Cochabamba und Santa Cruz wird normalerweise schon aus Sicherheitsgründen vom Fernverkehr nur noch selten befahren. „La Siberia“, schon der Name deutet auf Kälte und Nebel hin. Hier überqueren wir noch ein letzten Mal rund 4000 Meter hochgelegene Bergpässe. Viele fürchten den fast permanenten Nebel, weil hier die kalte Luft des Altiplano auf die tropisch-feuchte Warmluft trifft. Man könnte auch sagen, dass dies das Abenteuer ins fast Unerträgliche steigert. Aber auf jeden Fall gehört diese unbefestigte Alternativstrecke zu den schönsten Panoramastrecken Boliviens.

Durch den Nebenwald von "La Siberia"

Durch den Nebenwald von „La Siberia“

Zunächst kurvt der Bus in tiefer Dunkelheit bergauf und talab. Ab und zu durchfahren wir einige Dörfer und mir fällt auf, dass sie unterdessen alle an die Stromversorgung angeschlossen sind. Es gibt Strassenbeleuchtung und in dem einem oder anderen Haus brennt auch mitten in der Nacht noch Licht. Dann wieder liegen viele Kilometer unbewohnter Dunkelheit vor uns. Dann umspannt ein gigantischer Sternenhimmel den Himmel in einer Pracht, die wir so auf der Nordhalbkugel nicht kennen. Nach und nach schäle ich mich aus meinen Jacken, Pullovern und lege den Schlafsack beiseite. Es wird wärmer, je tiefer wir kommen. Und auch sauerstoffhaltiger.

Als die Sonne um kurz nach halb Sechs aufgeht, sieht die Welt völlig anders aus

Panaramablick über die Andentäler

Beim ersten Morgenlicht stockt mir fast der Atem: Grün, grün, grün, alles ist saftig grün. Und der Fernblick über die schroffen, sich fast bis in die Unendlichkeit aneinanderreihenden Bergketten der „Valles“, der Andentäler, macht fast schwindelig. Auch das Auf und Ab zwischen Gipfeln und Talsohlen. Allerdings bemerke ich jetzt, beim Blick aus dem Seitenfenster, wie oft die Radkästen dieses Busses fast über dem unbefestigten Abgrund hängen. Und wie schmal die Strasse wirklich ist. Und ich erkenne die Kreuze am Strassenrand. Und hoffe, dass wir heil an unserem Fahrtziel ankommen. Zwar ist es auch in Bolivien verpflichtend geregelt, dass die Chauffeure alle vier Stunden eine Pause einlegen müssen, doch der Busfahrer sitzt schon mehr als 12 Stunden hinterm Lenkrad. Und weitere sieben Stunden liegen vor uns. Zwei Pinkelstopps am Strassenrand, (die Damen müssen ungeniert unter den Blicken aller in die Hocke gehen), keine Kaffeepause. Für die Fahrgäste gibt es vier Kinofilme auf den buseigenen Fernsehmonitoren. Der Busfahrer kaut Kokablätter. Die halten wach. Das muss reichen.

Ein wunderbares Land der Extreme – touristisch betrachtet

Blick vom 5300 m hohen Chacatalla. So hoch hinaus kann man in Bolivien mit dem Auto kommen.

Blick vom 5300 m hohen Chacatalla. So hoch hinaus kann man in Bolivien mit dem Auto kommen.

Bolivien ist ein Land der geographischen, klimatischen und sozialen Gegensätzlichkeiten. Das erspürt im wahrsten Sinne des Wortes jeder, der durch dieses faszinierende Land reist.

Das Altiplano: Karg, oft eiskalt und dennoch sonnenverbrannt, trocken, fast feindlich allen Lebewesen gegenüber, die sich nicht schon seit Jahrtausenden angepaßt haben, um hier zu überleben.

Der Salar de Uyuni. Mittendrin die Insel Incahuasi (quechua für Haus des Inka), auf der tausendjährige Kakteen wachsen.

Ein Land der Superlative: Mit dem größten Salzsee der Welt, dem Salar de Uyuni. Auch den höchstgelegensten Binnensee teilt sich Bolivien mit Peru, den Titicacasee. Wer will, kann mit dem Taxi auf den Chacatalla fahren und aus 5300 Meter Höhe über die Königskordilleren und das Altiplano schauen. Oder auch ohne bergsteigerische Erfahrung, aber mit guter Höhenanpassung, den etwas über 6000 Meter hohen Huayna Potosí besteigen.

Die letzte andine Hügelkette, nordöstlich von La Paz, danach beginnt das Amazonas-Tiefland.

Dreieinhalbtausend Höhenmeter tiefer als das Altiplano und oft mehr als 35 Grad Celsius wärmer: Das immerfeuchte, fruchtbare bolivianische Tiefland in tropisch-üppigem Grün. Hier behaupten die Menschen ganz kokett von sich selbst, „flojos“, also Faulenzer zu sein, denen die Früchte in den Mund wachsen. Hier lebt sich mit der sprichwörtlichen Leichtigkeit des Seins statt mit der Mühsal und Plackerei des Hochlandes. Dazwischen die Gemüsekammern Bolivien: die fruchtbaren Täler der Anden, in denen die köstlichsten Früchte und Gemüse gedeihen. Und wer noch mehr von Bolivien Vielfalt kennenlernen möchte, der kann auf den Oberläufen des Amazonas durch einen vergleichweise unberührten Regenwald paddeln oder sich auf das Abenteuer einlassen, die artenreiche Pampa in Begleitung geschulter Einheimischer zu erkunden. Mit Krokodilen, Piranjas, Süßwasserdelfinen, mit Affen, Papageien, Schlangen und und und…

Auf dem Weg zur Mehrklassengesellschaft

"Unten in der Tiefe von La Paz leben die Reichen, oben auf dem Altiplano die Armen." - dieser Spruch gilt seit kurzem nicht mehr.

„Unten in der Tiefe von La Paz leben die Reichen, oben auf dem Altiplano die Armen.“ – dieser Spruch gilt seit kurzem nicht mehr.

Im Gegensatz zu diesen landschaftlichen und klimatischen Kontrasten, sind die sozialen Ungleichheiten im Land längst nicht mehr so krass wie noch vor wenigen Jahren: Die Zweiklassen-Gesellschaft Boliviens ist dabei aufzubrechen. Eine aufstrebende, größtenteils indigene Mittelschicht verändert das Land. Insbesondere in El Alto und den Bergbaustädten Potosí und Oururo gibt es inzwischen sogar eine originäre, reiche Oberschicht aus Minenarbeitern, Händlern und Unternehmern, die mit schicken Autos, großen Häusern und goldfunkelnden Zahnreihen ihren Erfolg nach außen trägt. Und weil das Elend auf dem Land früher besonders extrem war, hat der seit sechs Jahren regierende Präsident Boliviens Evo Morales, aus dem Volk der Aymara, zunächst vorallem die Entwicklung der ländlichen Regionen vorangetrieben: Mit einer flächendeckenden Stromversorgung, Trinkwasser, Telefon, Internet und vorallem mit einem gigantischen Strassenbauprogramm. Auch die Gesundheitversorgung auf dem Land hat sich verbessert, ebenso wie die schulischen Angebote.

El Alto im Rückblick

Abschiedsessen in der Gastfamilie

Nach meinen Abschied von Doña Ela und ihrer Familie und meinen Versprechen, irgendwann wieder zu kommen, habe ich im Bus nun viel Zeit, meine neuen Eindrücke aus dem Hochland zu sortieren: Ist El Alto tatsächlich (noch) die Elendsstadt, als die sie beschrieben wird: Die „schmutzige, arme Schwester“ von La Paz?

Einzig die Kälte auf 4100 Höhenmetern, das ungeheizte Häuschen und die nur minimal temparierte Dusche haben mir zu schaffen gemacht. Die sieben Wolldecken auf meinem Bett waren in den Nächten allerdings auch bitternötig. Luxusprobleme. Ansonsten habe ich in den knapp zwei Wochen viel erlebt und gesehen, was mich berührt, erstaunt, bereichert hat: Die Herzlichkeit von Doña Ela und die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich in ihren Alltag aufgenommen hat. Die kleinen Einblicke in die Gesellschaft der Aymara, deren Treffen und Ritualfeiern ich beiwohnen durfte. Die Gespräche mit den Amautas, den geistigen Anführern der Aymara-Gesellschaft, über deren Denkweise ich mehr erfahren durfte. Und die langen Fußmärsche über Land, als ich mit Doña Ela die Dörfer ihrer Vorfahren oder das verwaiste Haus ihres Vaters besuchte.

Die Küche im Haus ihres verstorbenen Vaters. Hier möchte Doña Ela eines Tages vielleicht wieder leben. „So wie meine Vorfahren: Ruhig und bescheiden,“ sagt sie.

Gemeinsam haben wir den Bauarbeitern draußen in der Einöde warmes Essen und Koka vorbeigebracht. Sonst hätten sie sich nur mit Koka durch den Tag gebracht, um weiter an dem von Doña Ela betreuten Bau-Projekt weiterzuarbeiten, einem Versammlungshaus für die Landfrauen der Umgegend. Gemeinsam haben wir Wasser und Steine geschleppt, wobei meine Mitarbeit wohl vorallem als symbolische Solidaritätserklärung einer Gringa aus Alemania willkommen war. Zusammen haben wir die Märkte der berüchtigten „La Ceja“ abgeklappert und dann gekocht.

El Alto – Abends sitzen wir in warmen Decken gehüllt zusammen ich zeige, wie man mit einem Nadelspiel Socken stricken kann. „Sin Costura.“ Ohne Naht!

Und abends mit ihren Schwestern und Freundinnen zusammengesessen. Tag für Tag brachte Doña Ela mir „ihr El Alto“ näher, diese in wenigen Jahrzehnten entstandene indigene Millionenstadt, die nur wenig mit dem zu tun hat, was beispielsweise bei Wikipedia geschrieben steht.

Fußgänger plus Verkaufsstände plus Strassenverkehr gleich: tagtäglicher Stau bis zum Geht-nicht-mehr.

Wir sind immer noch viel zu wenig und zu schlecht organisiert in dieser Stadt,“ hat Doña Ela auf ihren Gängen durch die Strassen El Alto immer wieder geschimpft. „Die Müllabfuhr schafft ihre Arbeit nicht. Auch, weil die Menschen einfach allen Dreck auf die Strasse werfen.“ Und tatsächlich sehe ich mit eigenen Augen nicht nur Berge von Plastikmüll, sondern auch, wie manche Autowerkstätten das Altöl einfach in den Boden laufen lassen. Oder in die Kanäle.„Die Marktfrauen und Händler verstopfen mit ihren ausgelegten Waren die Fahrwege und verursachen so ein unvorstellbares Verkehrschaos, dem auch die Stadtverwaltung immer noch tatenlos gegenübersteht,“ höre ich immer wieder von anderen alteingesessene Minenarbeiterfamilien in El Alto. Sie kritisieren die später hinzugezogenen Bauern- und Händerfamilien als unerzogen und rücksichtslos. Trotzdem habe sich die Stadt in den letzten Jahren weiterentwickelt. „Denn alle Stadtteile sind ans Stromnetz angeschlossen. Aber es kommen fast täglich neue Menschen hinzu, die sich ein freies Stück Land abstecken, um dort neue Lehmhütten oder Steinhäuser zu bauen! Und so schnell können die fast über Nacht neu entstehenden Wohngebiete nicht urbanisiert werden.“

Gemeinsam für eine bessere Zukunft”

El Alto ändert sich!“ Unter diesem Motto werben die Fernsehkanäle in El Alto, ebenso wie die anderer Städte und Regionen des Landes dafür, dass die Zukunft gemeinsam in die Hand zu nehmen haben. Alteingesessene und Neuankömmlinge. „El Alto ändert sich!“ deklamieren die Fernsehprogramme täglich aufs Neue. In kleinen und wirklich gut gemachten Werbefilmchen versuchen die Medien aufzuklären und zu erziehen: Dass Müll die „Mutter Erde“ vergiftet, beispielsweise. Oder, dass Diskrimination verboten ist. Auch dies ein Medienthema, das in einer Deutlichkeit formuliert wird, wie ich es auch aus Deutschland nicht kenne. Homosexuelle, Transsexuelle und Transvestiten, Behinderte, Schwarze, Weiße, Originäre, egal welcher Religionsangehörigkeit, egal mit welchem Bildungsabschluss, ob arm oder reich, ob Mann oder Frau oder Kind – so heisst es – alle Bolivianer haben die gleichen Rechte und dürfen nicht diskriminiert werden.

Deine Antwort zählt.“

Doch das wichtigste Thema in diesen Tagen ist die für den 21. November geplante Volkszählung. Denn der aktuelle Zensus soll endlich darüber Klarheit schaffen, welche Entwicklungsschritte als nächstes wichtig sind.

Deine Antwort zählt. Öffne deine Türen dem Zensus.“ Seit Wochen wirbt die Regierung für diese anstehende Volkszählung. Endlich soll Gewissheit herrschen, wieviele Einwohner Bolivien denn nun wirklich hat. Die acht Millionen, die zuletzt vor elf Jahren gezählt wurden, sind schon längst nicht mehr aktuell. Denn vor dem „Wandel“, also in der Zeit vor dem ersten indigenen Präsidenten, hatten viele Originäre keinen Sinn darin erkennen können, sich überhaupt registrieren zu lassen.

Das Leben in Bolivien wird dann rund anderthalb Tage stillstehen: Mit strengem Ausgangs-, Reise- und auch Alkoholverbot. Schulen, Universitäten, Geschäfte, Büros, alles wird geschlossen bleiben. 49 Fragen sind dann zu beantworten. Es geht nicht nur um die aktuelle Bevölkerungszahl, sondern auch um Wohn- und Lebensbedingungen in Bolivien. Die Fragen drehen sich um die Beschaffenheit der Wohnräume, um die sanitären Verhältnisse, um Energieversorgung und Müllentsorgung. Es wird nach den Einkommensverhältnissen gefragt werden, nach Aubildungsniveau und Beschäftigungsverhältnis, nach Gesundheit, Zugehörigkeitsgefühl, aber nicht nach der Religion. Die Fragebögen gibt es seit Tagen für einen Boliviano zu kaufen. Oder auch im Internet.

Santa Cruz. Zwei Tage später

21. November 2012, ein Mittwochnachmittag inmitten der Millionenstadt Santa Cruz.

Es herrscht tiefe Stille in der sonst so lebendigen tropischen Metropole Santa Cruz. Werden zwei Millionen Einwohner erfasst werden? Oder mehr? 2001 wurden in Santa Cruz etwas mehr als eine Millionen Menschen gezählt. Und wieviele leben im Vergleich dazu heute in El Alto und La Paz? Von den Antworten werden die zukünftigen Infrastrukturmaßnahmen abhängen.

Die absolute Ausgangssperre für 24 Stunden wird von den Menschen sehr ernst genommen. An unserer Tür klebt seit 11:15 Uhr das kleine Schild: „Vivienda censada“.

Dieses Haus ist erfasst: „Volkszählung 2012“

Die 49 Fragen haben wir alle beantwortet… auch ich als Ausländerin und Gast. Denn alle, die sich an diesem 21. November in Bolivien befinden, selbst jene am Flughafen, werden statistisch erfasst und befragt. Es wird wohl einige Monate dauern, bis die aktuellen Zahlen auf dem Tisch liegen. Aber ganz sicher wird sich die rasante Entwicklung Boliviens dann auch Schwarz auf Weiß belegen lassen.

El Alto/ La Paz, 18.11.2012

„… ich hoffe, du wirst dich in meinem Haus wohl fühlen.“ Und mit diesen Worten nimmt Doña Ela mich in den Arm. „Herzlich Willkommen, Schwester. Meine Familie ist deine Familie.“

Doña Ela und ihre Tochter Tania hoch über La Paz

Seit sechs Tagen lebe ich nun in ihrer Familie, und während ich meine Eindrücke zu sortieren versuche, habe ich mich in eine Wolldecke eingewickelt und zwei Pullover übereinander gezogen. El Alto liegt auf einer ca. 4100 m hohen Andenhochebene, unweit des Lago Titicaca und in unmittelbarer Nachbarschaft zum bolivianischen Regierungssitz La Paz. Ursprünglich, vor rund dreißig Jahren, lebten hier nur wenige Aymara-Familien. Unterdessen ist El Alto nicht nur zur höchst gelegenen indigenen Millionenstadt der Welt, sondern auch zu einer der weltweit extremsten Großstädte herangewachsen. Mehr selbstorganisiert als städtebaulich geregelt. Chaotisch, aber dennoch erstaunlich gut funktionierend. Karg, windig, rau, sonnenverbrannt und oft eiskalt. Mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von plus 8 Grad Celsius. Und das in einem Land, in dem Heizungen selbst bei den Wohlhabenderen bis heute fast unbekannt sind. Deswegen hat Doña Ela mir sieben Wolldecken aufs Bett gelegt und deshalb schlafen viele indigene Familien bis heute in einem einzigen Bett.

Hoch über La Paz

El Alto, Ciudad Satelite

Vor rund zwanzig Jahren kam Doña Ela mit ihrer Familie in die Ciudad Satelite, einem bis heute ruhigen Stadtteil von El Alto, direkt an der „Kante“ zu La Paz. An der „Kante“ ist wortwörtlich gemeint, denn La Paz liegt in einem tief abfallenden Talkessel, der südlich von El Alto schroff und tief bis auf 3200 Höhenmeter abfällt und dessen nördliche Bergwände dann wieder steil in die über 6000 Meter hohen Königskordilleren aufsteigen. Eine Millionenstadt, deren Häuser an unvorstellbar steilen Hängen kleben.

Bis vor wenigen Jahren galt hier noch die Faustregel: „Je höher, dessto ärmer.“ Denn wer es sich leisten konnte, und das waren lange Zeit vorwiegend „Blancos“ zog ganz tief nach unten in den Talkessel, wo auf „nur noch“ 3200 Höhenmetern die Durchschnittstemperatur rund 14 Grad C wärmer ist als hier oben auf der Hochfläche, wo Doña Ela mit ihre Familie lebt. Ganz tief unten: Luxuriöse Villen, teure Autos, edle Designer-Boutiquen, ausladende Supermärkte, fast tropical anmutende Cafés und schicke Restaurants. Und ganz weit oben? Das Altiplano mit dem Flughafen von La Paz. Und drumherum eine planlos und aus dem Nichts entstandene Stadt, die bisher meistens als arm, elend, chaotisch, kalt und gefährlich beschrieben wird.

Mit durchaus gemischten Gefühlen habe ich die Einladung angenommen, mir selbst ein Bild von El Alto und dem Alltag einer Aymara-Familie zu machen. Doch schon die Herzlichkeit, mit der mich Ela als ihre Schwester aus Deutschland begrüßt, mir einen heißen Kokatee reicht, um mir dann noch eine Wolldecke um die Schultern zu legen, nimmt mir die Anspannung. Und schon nach wenigen Minuten sitzen wir plaudernd zusammen. „Alles, was ich gelernt habe, hat mich das Leben gelehrt, nicht meine Mutter.“ beginnt Ela ihre Geschichte. „Meine Mutter starb an einer Lungenentzündung, als ich noch ein kleines Mädchen war. Schon als Kind habe ich den ganzen Haushalt führen müssen. Ich versuchte, dann beispielsweise etwas zu kochen. Aber weil mir niemand gezeigt hatte, wie man ein gutes Gericht zubereitet, ist mir das Essen anfangs oft angebrannt. Auérdem musste ich für die ganze Familie putzen und die Wäsche gewaschen, bis meine Hände kaputt waren vom kalten Wasser. Aber ich habe alles gelernt, was wichtig ist. Später dann sogar Lesen und Schreiben. Aber meine Mutter fehlt mir bis heute.“

La Ciudad Satelite

Die stillgelegte Schienenverbindung

Doña Ela, meine Gastgeberin, zog mit ihrem Mann Rene vor siebenundzwanzig Jahren nach El Alto. Hier entstand damals, als Ela und Rene hier ihr Häuschen bauten, das erste urbanisierte, also mit Strom, Wasser, Kanalisation versorgte Wohngebiet. „Es war eine Art Sozialprojekt für ehemalige Mineros,“ einnert sich Ela heute. Wie ein Satelit im Nichts. Und unweit der heute berühmtberüchtigten „La Ceja“, jener „Augenbraue“, die heute das Handelszentrum von El Alto, aber auch ein Anziehungspunkt für Diebe und Betrüger ist. Damals, so erzählt Ela, gab es hier sogar noch eine Zugverbindung zwischen La Paz und El Alto über das Altiplano bis zu den Häfen der Pazifikküste. Später wurde diese Zugstrecke privatisiert und dann abgewickelt. Heute dient der alte Schienenstrang nur noch als Fußweg, als Freifläche für Händler oder einfach als Müllablade. 1985 wurde El Alto, bis dahin ein Stadtteil von La Paz, dann zur eigenständigen Stadt ernannt.

Bis zu ihrem Umzug nach El Alto hatte auch Rene als Minenarbeiter seinen Unterhalt verdient, erst in der Zinnmine Milluni am Fuße des Huayna Potosi und später dann über Tage als Ingenieur. Doch dann wurde die Zinkmine stillgelegt und wie die meisten Familie ihrer Minen-Kooperative, so mussten auch Rene und Ela ihre Heimat verlassen. „Wir waren verliebt und wir hofften, dass unser Leben in der Stadt einfacher einfacher sein würde.“ Ob sich diese Hoffnung bewahrheitet hat? Diese Frage verkneife ich mir, denn ich möchte nicht unhöflich erscheinen. Ganz sicher wird Ela mir diese Frage in den kommenden Tagen von ganz alleine beantworten.

Die Schädel der Ahnen

Aber als erstes soll ich meine Gastgeberin auf den Friedhof von El Alto begleiten. Denn an diesem Novembermorgen, am „Dia de las Ñatitas“, dem achten Tag nach „Todos Santos“, treffen sich viele Aymara-Familie an den Gräbern ihrer Vorfahren, um die Schädel ihrer Vorfahren segnen zu lassen, um mit ihnen zu feiern oder auch um ihren Schutz zu erbitten. Ich lasse meine Kamera im Koffer, denn noch weiß ich nicht, wann ich was und wen abbilden darf. Ich weiß nur, dass viele konservative Aymara um ihr Seelenheil fürchten, wenn sie ungefragt fotografiert werden. Schon vor den Friedhofsmauern erwarten uns die „Amataus“, die Weisen der Aymara. Ela ist in der Aymara-Gesellschaft eine „Dirigente“, also eine leitende Persönlichkeit auf dem Altiplano, die zu wichtigen Versammlungen gerufen wird und die viele ehrenamtliche Aufgaben hat, um den Alltag der Gemeinschaft zu organisieren und, wie sie sagt, vorallem auch zu verbessern. Ela´s „Schwester aus Deutschland“, wird von allen herzlichst begrüßt und ausdrücklich eingeladen, auf dem Friedhof mitzufeiern.

Immer mehr Familien tragen an diesem Morgen verglaste Vitrinen auf den Friedhof, stellen sie gemeinsam fast altarähnlich auf und neben die Gräber zusammen. In jedem Kasten sind ein, zwei, drei Menschenschädel aufbwahrt. Ihre Augen- und Nasenhöhlen sind mit Watte verschlossen. Viele tragen Mützen, Sonnenbrillen, manche auch ihre Zahnprothesen. Alle diese Totenköpfe werden nun mit frischen Blumen bekränzt, von den versammelten Menschen mit Blütenblättern bestreut. Die Aymara-Weisen entzünden weihrauchqualmende kleine Tonschalen, umkreisen die Köpfe der Vorfahren. Dann sprechen die „Amataus“ nacheinander Gebete, in Spanisch und in Aymara. Ela sortiert mir einige Kokablätter, paarweise geordnet, in die Hand, dazu ein paar Kekse und Zuckerstücke. Diese Geschenke für die Vorfahren lege ich gemeinsam mit den Einheimischen vorsichtig in zwei vorbereitete Opferschalen, die anschließend auf einem Holzscheit verbrannt werden, damit ihre Opfergaben als Rauch die Seelen der Toten erreichen kann. Dann wird die Kokatüte erneut herumgereicht, denn auch das Kauen der „Heiligen Pflanze“ gehört zu jeder rituellen Handlung unbedingt dazu. „Wir Lebenden können unser Leben besser meistern, wenn wir unsere Wurzeln kennen und unsere Traditionen pflegen,“ erklärt Ela, „Aber nicht alle Familien holen deshalb die Schädel ihrer Vorfahren nach Hause. Ich selbst wollte meine Eltern nicht in ihrer Ruhe stören, deshalb liegen sie in ihren Vollkommenheit in ihren Gräbern. Und die werden wir heute nachmittag besuchen.“

Besorgt um meine Gesundheit, erkundigt sich meine Gastfamilie immer wieder, ob ich auch wirklich keine Kopfschmerzen habe. Keine Atemnot. Keinen Schwindel. Und ob ich auch warm genug gekleidet bin. Und ob auch meinen Sombrero dabei habe. Denn die Sonne ist sehr stark in dieser Höhe. Sicherheitshalber packt Ela dann noch eine Thermoskanne mit heißem Wasser und eine Tüte Kokablätter ein. Meine Gastfamilie wollen mit mir heute noch hoch hinaus: zum Friedhof an den Minen des Huayna Potosí. Dort könnte der Kokatee doch noch wichtig werden, denn er hilft den roten Blutkörperchen, mehr Sauerstoff anzudocken, wenn die 4450 unseres Ausflugszieles mir dann doch zu Kopf steigen sollten.

Sonderfahrt“ zum Huyana Potosí

Sonderfahrt zum Huayna Potosí

Das hätte ich mir in der Hitze von Santa Cruz auch nicht vorstellen können, dass ich nun in der Kälte des Altiplanos mit einem „Mikro“ über die unbefestigten Pisten der Königskordilleren fahren würde. Der „Mikro“ gehört meiner Gastfamilie und ist ihre wichtigste Einkommensquelle. „Aber wir besitzen auch draußen im Altplano noch ein wenig Land. Da bauen wir Kartoffel und Bohnen an und Gerste als Beifutter für das Vieh. Denn wir besitzen auch noch ein paar Rinder und Kühe. Denn von den spärlichen Einkünften allein, die der Mikro uns einbringt, können wir heute nur schwer leben“, erklärt Ela. Rene befördert mit seinem Bus täglich rund 14 Stunden lang Fahrgäste zwischen El Alto und La Paz. Die Fahrt kostet einen Boliviano ( = 0,80 Euro). Und auch wenn das Gas für seinen Mikro staatlich suventioniert ist, so gehört er als „Transportista“ doch zu den Schlechtverdienern von El Alto, meint Rene.

Trotzdem soll dieser Nachmittag seiner Familie gehören. Für mich eine tolle Gelegenheit ganz vorne beim Fahrer völlig entspannt erst den chaotisch-spannenden Strassenverkehr von El Alto, dann ein irres Panorama über die Millionenstadt und dann die Fahrt idurch die Königskordilleren zu genießen. Llama-Herden weiden an den Berghängen, Bäche sprudeln, kleine Wasserfälle glitzern in der Sonne. Immer wieder auch Bergseen. Und dann der schneebedeckte Gipfel des Huayna Potosí. Für mich wunderschön. Für meine Gastfamilie erschreckend. Denn dort, wo in ihrer Jugend noch ganzjährig die Gletscherzungen des Huayna Potosí bis ins Tal leckten, sind heute nur noch nackte Felsen. „Verbrannte Steine“, nenne sie das. Und auch die Seen seien für die Jahreszeit viel zu sehr geschrumpft, zu flach oder gar ausgetrocknet. „Klimawandel“, dieses Wort fällt an diesem Nachmittag immer wieder.

Friedhof am Huyana Potosí

Dieser Friedhof hatte früher mehr Einwohner als unser Dorf,“ erzählt Ela, als wir zwischen den Gräbern ihrer Vorfahren stehen. Für mich sehen die Grabstellen im ersten Moment wie chaotische Steinhaufen aus. Aber nachdem die Steine weggeräumt sind, erkenne ich die Grabstellen, die nun mit frischen Blumen geschmückt werden sollen. Außerdem legen Ela und Rene ihren Ahnen noch etwas Gebäck aufs Grab. „Wir müssen alles gut abdecken, denn sonst fressen die Llamas alles weg.“ erklärt Ela, nachdem die Blumen unter den Steinhaufen verschwunden sind. Und dann möchte Ela mir noch die Reste ihres Dorfes zeigen. Die von ihrem Besitzer in den 1980er Jahren stillgelegte Mine wird heute von einer Kooperative wieder bewirtschaftet. Vierzig Minenarbeiten holen hier in Handarbeit das zinkhaltige Gestein aus der Erde. Aber die Häuser ihrer Jugend am Fuße des Mineneingangs sind bis heute verschwunden. Zerstört auf Befehl des damaligen Präsidenten, so sagen die ehemaligen Mineros. „Asi es la vida“, „So ist das Leben“, zuckt Ela mit den Schultern.

Eigentlich ging es uns Mineros hier draußen in den Tälern viel besser als heute in der Stadt. Es hat uns damals an nichts gefehlt. Wir hatten genug zu essen.“ wird mir Ela ein paar Tage später erzählen. „Aber die Arbeit war hart und jedes Mal, wenn die Glocke geschlagen wurde, rannten alle Frauen und Kinder zum Mineneingang, denn dann war wieder ein Mann, ein Sohn, ein Bruder gestorben. Und neben der Glocke war ein Kalender an die Wand gemalt. Hier wurden die Tage ohne Opfer gezählt: Zehn Tage ohne Tote. Zwanzig Tage ohne Tote. Vierzig Tage ohne Tote, aber das war sehr selten.“

Meine Gastfamilie am Fuße des Huyana Potosí

Ela und Rene gehören als ehemalige Mineros zu den „alteingesessenen Aymara-Familie“ von El Alto und darauf sind die Beiden stolz. Trotzdem sind sie nicht reich geworden, so wie die anderen, die Händler,  die Marktfrauen und die Fabrikanten.  Aber die seien auch in ihren eigenen Syndikaten organisiert und hätten den Handel unter sich aufgeteilt. Auch Rene ist als Mikro-Fahrer  in einem Syndikat organisiert. „Doch wegen der ständigen Staus, auch verursacht durc di Händler, die die Strassen mit ihren Marktständen blockieren, läßt sich im öffentlichen Transportwesen hier in der Stadt kaum Geld verdienen,“ erklärt Ela mir einige Tage später einen Grund für ihre geplatzten Träume. „Ich wasche immer noch mit meinen eigenen Händen. Aber wir können unseren Kindern ihr Studium bezahlen. Und das ist das Wichtigste für unsere Zukunft und für die Zukunft unseres Landes: Die Qualifizierung unserer Kinder!“

Tatsächlich ist in El Alto in den letzten Jahr schon eine Mittel- und eine Oberschicht herangewachsen. Es gibt immer mehr Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Architekturbüros, die sich in El Alto inzwischen niedergelassen habe. Und farbenfrohe, fast villenähnlichen Häuschen, die oben auf den Dachgeschossen des ständig anwachsenden Meeres von Hochhäusern thonen. Und die Luxuslimosinen, die durch El Alto kurven. Und dann gibt es noch die anwachsende Zahl von Universitäten. Allerdings: Tochter Tania geht unten in La Paz zur Uni. Das ist ihren Eltern ganz wichtig. Denn unten sei das Ausbildungsniveau höher. Deshalb haben sie ihre Tochter auch schon den langen Weg ins Tal geschickt, um ein Mädchen-Colegio unten im Süden zu besuchen.

Inzwischen ist die El Alto auf wahrscheinlich mehr als eine Millionen Einwohner angewachsen.  Aber so ganz genau weiß das heute niemand. Am 21. November, also in der kommenden Woche wird in ganz Bolivien eine Volkszählung durchgeführt. Schon seit Wochen gibt es in den Medien kein wichtigeres Thema. Durch den Zensus erhoffen auch die Alteños schon bald konkrete Zahlen zur Stadtentwicklung und daraus resultierende neue Infrastrukturmaßnahmen.

Meine Gastgeber haben sich für die nächsten Tage noch viel vorgenommen. Ich soll möglichst  viel von ihrem Alltag kennenlernen, um mir selbst ein Bild davon zu machen, ob  El Alto tatsächlich immer noch nur eine Stadt des Elends und der Betrüger ist. Immer wieder reden die Menschen in El Alto vom Wandel. Dann, so hofft auch Ela, wird ganz El Alto eine wunderbare, wohlorganisierte, saubere und liebenswerte Stadt sein – so wie jetzt schon ihrer ruhiger und wohlgeordneter Stadtteil, die Ciudad Satelite an der Kante hoch über La Paz.

 

 

 

Bolivianische Randnotiz, San José de Chiquitos, 22.10.2012

Die Geigen von San José

Die Geigen von San José

„Die Violine ist mein Leben.“ Deshalb spielt die dreizehnjährige Adelaí fast jede freie Minute auf ihr. Das heißt: Jeden Morgen zwei Stunden. Dann folgen die Hausaufgaben fürs Colegio, das sie nachmittags in der zweiten Schicht besucht. Aber wenn sie danach noch Zeit hat, dann greift sie wieder zur Geige. Und abends gehts täglich in die Musikklasse. Freiwillig und sehr zum Stolz ihrer Familie. „Seit zweieinhalb Jahre komme ich hier in die Musikschule. Mir gefällt die alte Musik, die wir hier spielen. Diese Barockmusik hat viel mit uns selbst zu tun, anders als die moderne Popmusik beispielsweise. Sie drückt meine Gefühle aus und sie repräsentiert alles, was ich bin. Diese Musik gehört zur Tradition unseres Volkes…“ Und dann fügt sie noch leise hinzu: „…und ein Volk ohne Geschichte hat keine Zukunft.“

Der Jesuitenstaat

Die Missionskirche von San José de Chiquitos

Die Missionskirche von San José de Chiquitos

Die Geschichte ihres Volkes kennt heute im Zeitalter der indigenen Rückbesinnung nicht nur Adelaí, sondern die meisten Chiquitanos im Departamento Santa Cruz. In europäischen Geschichtsbüchern dagegen ist kaum eine Zeile zu finden:

Ende des 17. Jahrhunderts, als die spanischen Kolonialherren die rohstoffreichen Andengebiete Südamerikas längst mit Schwert, Gewehr und Gebetbuch erobert und die Ureinwohner versklavt oder ermordet hatten, waren die Kämpfer und Missionare in die Urwaldregionen des tropischen Tieflandes noch nicht flächendeckend vorgedrungen. Genau dort und bis weit hinein bis ins heutige Brasilien und Paraguay entstanden ab dem 17. Jahrhunderte mehr als einhundert Reduktionen (vom spanischen Wort reducir – zusammenführen), die später unter dem Begriff „Jesuitenstaat“ zusammengefasst wurden. Diese Missionsgebiete boten den Menschen nicht nur ein Leben in Frieden und Freiheit, sondern vor allem Schutz vor den Überfällen der Sklavenjäger und der Ausbeutung durch die Kolonialherren.

San José de Chiquitos

„Alle Dörfer haben jetzt ihre Orgel, viele Geigen und Baßgeigen aus Zedernholz, Clavicordia, Spinette, Harfen, Trompeten, Schalmeien. Diese Indianerknaben sind ausgemachte Musikanten; sie statten alle Tage in den heiligen Messen mit ihrem Singen und Musizieren dem Herrgott das schuldige Dankeslob ab. Ich darf behaupten, dass sie mit ihrer Musik in jeder Stadt und Kirche zu eurer großen Verwunderung erscheinen könnten.“ schrieb der Schweizer Jesuit, Missionar, Baumeister und Musiker Martin Schmid in einem Brief im Jahr 1744. Die Mönche nutzten die Tatsache, dass die Chiquitos sich von der mitgebrachten europäischen Barockmusik faszinieren ließen. So konnten die Jesuiten die Menschen, die bis dahin als Nomaden gelebt hatten, zu einem nach jesuitischem Verständnis christlichen, bürgerlichen und künstlerischen Leben zu bekehren. Ohne Schwert. Ohne Zwang. Und auch ohne Ausbeutung.

Ein Zipfelchen vom Paradies

San José de Chiquitos

Eine Runde um die Plaza von San José de Chiquitos

Nach fast vierstündiger Autofahrt haben wir am frühen Abend das subtropische Dschungelstädtchen San José de Chiquitos (11.000 Einw.) erreicht. Wir, das sind Max Steiner, der Schweizer Präsident des Bolivianischen Jugendherbergswerks, Ricardo, ein ehemaliger Voluntario, der sozusagen als Assistent mitreist, um während der stundenlangen Fahrten durch die Einsamkeit im Falle von Autopannen mitanzupacken. Und ich, die Gringa aus Alemana. Das Thermometer zeigt 41 Grad Celsius. Es ist Frühling in der bolivianischen Sierra.

Seitdem ich vor acht Jahren das erste Mal die Chiquitania bereisen konnte, ist mir diese unendliche Weite der mal flachen, mal sanfthügeligen Landschaft nicht mehr aus dem Kopf gegangen: Die Milliarden von Schmetterlingen. Die Schwärme von Papageien. Und das Geschrei der Affen. Die riesigen, vollhängenden Mangobäume. Die Bananenstauden. Die farbenfrohen Dörfer. Vorallem aber die freundlichen Menschen. Und ihre Musik.

Die Chiquitania

Die Chiquitania

„Wenn es auf Erden irgendwo ein kleines Stückchen Paradies gibt, dann hier,“ war mir damals durch den Kopf geschossen. Mit fruchtbaren Böden und tropischen Früchte, die den Menschen hier fast in den Mund zu wachsen scheinen. Allein der krasse Kontrast zur ruppigen Kargheit des Bolivianischen Andenhochlands wirkt unweigerlich paradiesisch. Ein Paradies nicht ohne Brüche und Verwerfungen: Die tiefe Armut auf der einen Seite und der unendlich scheinende Wohlstand weniger spanischstämmiger Großgrundbesitzer war auch für meinen noch wenig geschärften Blick unübersehbar.

Jetzt, acht Jahre später, habe ich endlich die Gelegenheit, in einer 1500km-Runde die sieben wichtigsten und seit 1990 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützten Reduktionen ausführlicher kennenzulernen. Wer diese „große Runde“ fahren will, braucht erfahrene Begleiter, denn es gibt keine vororganisierten Reisepakete. Noch nicht.

Auf einen Kaffee beim Padre

Der Padre von San José mit seinen Brüdern und der Autorin

Obwohl völlig unangemeldet, ist der Empfang im Pfarrhaus von San José herzlich. Der aus Österreich stammende Franziskanermönch Hubert Fleidl stellt sofort eine Plastikkanne mit angekochtem Wasser, dazu löslichen Kaffee, Beuteltee, Kekse auf den Tisch. Dann bittet er uns Platz zu nehmen. Es dauert einige Minuten, bis er sich in seinem österreichischen Deutsch warm geredet hat. Seit 1957 lebt der heute 81-igjährige hier in San José. „Unterdessen ist die Globalisierung also auch hier eingedrungen: Vor fünfzig Jahren war das Leben hier noch geprägt durch Armut. Es gab kaum Milch noch Mehl und die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht. Die Eisenbahnstrecke nach Brasilien wurde damals gerade erst fertig gestellt. Es gab keine Strassen. Aber man lebte glücklich in jener Zeit,“ erzählt der Padre im Rückblick.

Musiklehrer in San José

Musiklehrer in San José

„San José hat die einzige aus Stein gebaute Jesuitenkirche, die vollständig erhalten ist. Es gab auch einige in Paraguay und in Brasilien, aber die sind verfallen. Das ist der große Wert von San José. Unsere Leute hier sind nicht abgewandert und haben alles in dörflicher Gemeinschaftsarbeit erhalten.“ Als die Jesuiten auf Anweisung der Spanischen Krone im Jahr 1767 vom südamerikanischen Kontinent verjagt wurden, behielten die seßhaft gewordenen Missionsbewohner, also die Vorfahren der heute dreizehnjährigen Adelaí, ihre neue Lebensweise bei.

Missionierung mit Geige und Cello

„Es ist doch interessant, dass immer gesagt wird, die Eroberer hätten die Schätze des Landes geraubt, usw,“ möchte Pater Hubert das Bild der grausamen Kolonialisierung etwas zurechtrücken: „Sie haben doch auch einen ungeheuren geistlichen Schatz gebracht: Die Kenntnis des lebendigen Gottes! Und diese Kenntnis wurde weiter gelebt, auch als die Jesuiten schon längst verjagt worden waren. Im Volk hat sich diese christliche Kultur hier besser erhalten als drüben in Europa.“ Auch als sich spanische Viehzüchter nach und nach das tropische Tiefland zu eigen machten, hielten die Chiquitanos an der christlichen Lehre fest, beteten, pflegten ihre Musik, ihre Handwerkskünste, so wie sie es gelernt hatten und wurden gleichzeitig zu Knechten der neuen Großgrundbesitzer.

Der Heilige Michael in              San José

„Dass diese Menschen aus dem einfachen Milieu des Waldes es zu solchen Höhen in der Musik und Kunst bringen konnten, läßt sich nur aus einer wirklichen Zusammenarbeit mit den Missionären erklären. Andernfalls waren sie doch sofort zurück in den Wald gegangen,“ glaubt der Franziskaner, dessen Ordensgemeinschaft später die frei gewordenen Missionsgebiete der Jesuiten übernahm, beziehungsweise nach dem gleichen Prinzip auch neue Reduktionen gründete. Übrigens: Was die einen kritsch als „Kolonialisierung mit anderen Mitteln“ bezeichneten, lobten andere später als „gelungene Entwicklungshilfe“, als „Utopia“ und „anti-koloniales Experiment“.

Die Dschungelkirchen der Chiquitos

Im Gegensatz zur 1697 gegründeten steinernen „Urwaldkirche“ von San José sind die anderen Reduktionskirchen der Chiquitania vorwiegend aus Holz gebaut. Die waren in einem sehr viel schlechteren, aber ebenfalls unzerstörten Zustand, als der Schweizer Architekt Hans Roth in den 1980er nach Bolivien kam, um sie nach und nach sorgfältig zu restaurieren.

Milton Villaviencio, Restaurator in Concepcion und Schüler von Hans Roth

Typisch für alle Redukionskirchen der Chiquitania ist die kunstvolle Innenausstattung mit holzgeschnitzten, oft versilberten oder vergoldeten Altären und farbenprächtigen Wandmalereien. Fröhlich dreinblickende pausbäckige Engelsgesichter lächeln die Betenden an. Die aufwendig geschnitzten und prachtvoll gekleideten Christusfiguren und Heiligenstatuen wirken fast lebensecht. Die Wandbilder und Kreuzwege erzählen nicht nur die Missionierungsgeschichte der Chiquitanos, sondern bebildern auch das Alltagsleben der Menschen.

Das Dach wird von gedrechselten Holzsäulen getragen, die jeweils aus einem einzigen Baumstamm eines eisenharten, fast unverrottbaren Urwaldriesens bestehen. Daneben der Glockenturm. Flankiert auf der einen Seite von den Wohn- und Arbeitsräumen der Padres, auf der anderen von mehreren Schulräumen. Die große, sehr gepflegte Plaza ist quadratisch angelegt, von uralten Bäumen beschattet und in den Abendstunden der Treffpunkt des Örtchens. Um ihn herum befinden sich die ehemaligen Werkstätten, Vorratshäuser der Dorfgemeinschaft und die aus Lehmziegeln oder Steinenerbauten eingeschossigen Wohnhäuser der Chiquitanos.

Die Kirche von Concepcion

Die Kirche von Concepcion

Statt des typisch spanisch-kolonial-weißen Farbanstrichs sind die Hauswände in den Reduktionen bis heute in roten, gelben, brauen Naturtönen gestrichen und mit blumigen Ornamenten bemalt.

Konzertantes gemischt mit Motorengeknatter

Es ist 19.30 Uhr. Schon seit mehr als einer Stunde wehen immer wieder Geigenklänge und Kinderstimmen zur Kirche herüber. Vorne am Altar beten einige alte Frauen abwechselnd den Rosenkranz. Gleich wird der Pfarrer zur täglichen Abendmesse läuten. Von der Plaza brummen, knattern, röhren die Mopeds wie ein unendlicher Schwarm viel zu lauter Bienen. Die Zweirräder sind der letzte Schrei hier und der erste Schritt zu mehr Mobiltät. Denn seitdem nun auch in den bolivianischen Landgemeinden die bis vor wenigen Jahren bittere Armut endlich durch Wirtschaftsförderung und Infrastrukturmaßnahmen in Angriff genommen wird, können sich die Menschen die billigen Zweirräder aus China leisten. Und verschaffen ihren stolzen Fahrern etwas Kurzweil und Abkühlung. Und als sei dieses Geräuschpanorama nicht schon stimmungsvoll genug, schüttelt dann auch noch ein fast sturmartiger, vorallem aber heißer Wind lautklatschend die ersten halbreifen Mangos vom Baum.

Barockmusik als Jugendsozialarbeit

Musikunterricht bei Ronaldo Chichi in San José

Musikunterricht bei Ronaldo Chichi in San José

Doch die Geräuschkulisse scheint die Konzentration der runddreißig Musikschüler nicht stören zu können. Auch nicht die Hitze. Nicht das strenge Gehör des Musiklehrers, der die vorliegende Partitur immer aufs Neue wiederholen läßt, bis er endlich zufrieden ist. Niemand schielt heimlich auf die Uhr des Handys, um endlich auch auf die Plaza zu können. Kein einziges Kind zappelt ungeduldig auf seinem Stuhl herum. Ganz im Gegenteil. Alle sitzen mit ihren Streichinstrumenten vor den Notenständern und arbeiten gemeinsamen mit ihrem 25jährigen Lehrer Ronaldo ein, zumindest für mein Gehör kompliziert erscheinendes, barockes Musikstück durch.

Einen Raum weiter unterrichtet Julio rund vierzig Anfänger im Geigenspiel. Tonleitern. Rauf und Runter. Mal schräg, mal weniger schief. Die Liebe habe ihn aus dem 3500 bis 4000 m hohen La Paz in die Hitze verschlagen, erfahren wir später von Don Julio. „Seit meinem Abschied vom Militär mache ich mich hier nützlich,“ erklärt der etwa Siebzigjährige. Seine Frau ist die Musiklehrerin des Ortes. „Noch vor wenigen Jahren gab es hier weder Mobilfunk, noch Internet noch Fernsehen. Die Musikschule ist eigentlich bis heute unser wichtigstes Freizeitangebot hier im Ort. „Und es ist doch besser, im Orchester zu spielen als sich auf der Plaza mit einem „trago“, einem Schluck, die Zeit totzuschlagen. Oder vor dem Fernseher zu sitzen. Allerdings…,“ so Don Julio, „dürfen die Kinder nicht mehr bei uns im Orchester mitspielen, wenn ihre Schulleistungen nachlassen.“ Von einem Konzertauftritt ausgeschlossen zu werden, das sei hier in San José eine bittere Strafe. Allerdings auch eine seltene Strafe, fügt er schmunzelnd hinzu, denn die meisten jungen Musikanten seien auch sehr gute Schüler, sogar in Mathe und Physik, betont Julio am Ende unseren Gesprächs.

Das Kinderorchester

Wenig später beendet auch Ronaldo den Unterricht. Seine Schüler möchten uns nun noch eine Kostprobe ihres Könnens geben. Es ist gerade erst eine Woche her, dass sie vor der spanischen Königin Sophia spielen durften. „Vor so einer wichtigen Persönlichkeit,“ erzählt die dreizehnjährige Marieleňo, die nun schon seit vier Jahren Geige spielt. „Sie mochte unsere Musik und sie hat uns auch sehr beglückwünscht und viel während des Konzertes applaudiert. Das war wirklich toll.“ Die spanische Königin war während ihres bolivianischen Staatsbesuchs auch nach San José gekommen, um hier die abgeschlossenen Renovierungsarbeiten am Klostergebäude zu besichtigen und die kulturellen Förderprojekte des Dorfes in Augenschein zu nehmen. Mitfinanziert von spanischen Stiftungsgeldern.

Barockmusikfestival in San Javier

Barockmusikfestival in Concepcion

Was wir nun in diesem Dschungelstädtchen fast am Ende der Welt zu hören bekommen, verschlägt mir fast die Sprache: Ein philharmonisches Streichkonzert aus Kinderhänden, das so auch in deutschen Konzertsäalen Aufsehen erregen würde. Noch mehr als die Musik gefällt mir persönlich allerdings die offensichtliche Freude, mit der die Kinder hier spielen. Ganz offensichtlich ohne Angst und mit einem entspannten Lächeln, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dreihundert Jahre alte Partituren zu spielen.

Es war eine echte Sensation, als der Schweizer Architekt Hans Roth während seiner Renovierungsarbeiten mehrere tausend originalen Notenblätter aus dem 18. Jahrhundert wiederfand und in einem eigens gegründeten Archiv sicherte. Heute wird diese neugefundene Musik wieder gespielt. Nicht nur in Bolivien, sondern auch auf den Konzertreisen, zu denen die „Dschungelorchester“ der Chiquitanos immer wieder eingeladen werden. Renaldo Chichi ist in San José nicht nur der örtliche Musiklehrer für die fortgeschrittenen Musikschüler, sondern auch der Dirigent des kommunalen Musikorchesters. Auch ihn haben seine Konzertreisen schon bis nach Deutschland geführt.

Musik öffnet den Geist

Santa Ana

Als die Kinder ihre Geigenbögen entspannt haben, beginnt Ronald Chichi seine Geschichte mit wenigen Sätzen zu umreißen: „Ich bin in Urubichá geboren, einem Dorf weiter oben im Norden. Die Mehrheit meines kleinen Dorfes spielt mindestens ein Instrument und wir haben natürlich auch eine große Musikschule dort. Unsere Vorfahren hielten immer an unserer Kultur fest, also an unserer Musik und auch unserer Sprache und Lebensweise: Heute bewahren wir, ihre Enkel, diese Kultur. Ich habe mit 12 Jahren begonnen Violine zu spielen, gerade in jenem Jahr, in dem bei uns auch das erste Musikfestival stattfand. Für mich ist diese Musik auch meine Zukunft, denn ich studiere in Santa Cruz Musik. In meinem Dorf sagen sie immer, dass die Musik den Geist öffnet… Ganz sicher kann Musik wichtige Impulse geben, damit Kinder nicht in Drogen oder andere Schwierigkeiten abzurutschen. Und tatsächlich war ich selbst Dank der Musik sogar schon in Europa. Die Musik wird mich auch in Zukunft in die ganze Welt hinaustragen.“ In Urubichá, so heißt es in Bolivien, spielt mindestens jedes vierte Kind konzertreif.

Santa Ana

San Miguel

Wenn auch Touristen selten sind, alle zwei Jahre kommt die internationale Musik-Welt für ein paar Tage in die ansonsten verschlafenen Dschungeldörfer östlich von Santa Cruz. Das „Festival Internacional de Música Renacentista y Barroca Americana “ gilt als das wichtigste seiner Art und findet unterdessen an mehr als 22 Standorten in der Chiquitania statt. Marcello Ráus ist einer der verantwortlichen Organisatoren. Ihn hatte ich während schon meines letzten Besuchs in San Javier kennengelernt. Damals erzählte er mir, dass „die Musikausbildung in den letzten Jahren enorm an Bedeutung zugenommen hat. Das Festival gibt uns auch die nötigen Geldmittel an die Hand, um beispielsweise Reis und Zucker zu kaufen. Mit diesen Naturalien können wir die armen Landfamilien dafür entschädigen, dass sie ihre Kinder in die Musikausbildung schicken können, anstatt dass ihre Töchter und Söhne durch Arbeit zum Lebensunterhalt beitragen müssen.

Ein Weg aus der Armut

„Ich möchte fast sagen,“ erklärt der junge Musikstudent Ronaldo aus Urubichá weiter, „ dass hier in Bolivien die guten Musiker vorallem aus den armen Familien kommen. Auch meine eigene Familie ist sehr arm. Ich selbst musste als Kind schon arbeiten, um etwas Geld hinzu zu verdienen. So bin ich jeden Morgen um 6 Uhr aufgestanden, um dann vier Stunden auf meiner Geige zu üben. Danach arbeitete ich über Mittag zweieinhalb Stunden in einer Werkstätte. Nachmittags ging ich in die Schule. Ich kannte kein Faulenzen. Und ich war immer ein guter Schüler und Gottseidank bin ich auch ein guter Student. Jetzt unterrichte ich selbst auch in den Armenvierteln von Santa Cruz.“

Es ist spät geworden. Der heiße Wind ist eingeschlafen. Abgekühlt hat es sich nicht. Für morgen sind Regenfälle angesagt. Die Menschen warten dringend auf den Beginn der Regenzeit. Weil aber vor uns Hunderte von Kilometern auf rippeligen Naturstrassen liegen, sind Max, Ricardo und ich etwas in Sorge. Sobald die unbefestigten Pisten aufgeweicht sind, wird der Verkehr im Schlamm versinken. Und wir wollen noch nach San Miguel, einem Dschungelstädtchen, dass neben der Musik vorallem auch seine traditionellen Schnitzkünste pflegt. Und wo es zum Unterrichtskonzept gehört, die Schüler auch in Holzschnitzerei ausgebildet werden. Nach Santa Ana, die kleinsten aller hiesigen Reduktionkirchen, die ganz vorsichtig in dem Zustand konserviert wurde, in dem Hans Roth sie vorfand. Und nach Concepcion, der wohl imposantesten aller Holzkirchen. Mit ihrer Restaurierung krönte der Schweizer Hans Roth sein Lebenswerk. Und durfte noch miterleben, wie Concepcion zur Kathedrale erhoben wurde.

Immer geradeaus nach Brasilien, vorbei an San José

Immer geradeaus nach Brasilien, vorbei an San José

Seit kurzem ist San José über eine betonierte Schnellstrasse an Santa Cuz angeschlossen. Die sogenannte „Bioceanica“ verbindet nun quer durch Bolivien die Ostküste Brasiliens mit der Westküste Chiles. Das sind von San José aus  260 betonierte Km bis in die westlich gelegene Wirtschaftsmetropole Santa Cruz und nur noch 360 km in Richtung Osten bis zur brasilianischen Grenze. Die Globalisierung, die Pater Hubert beim Kaffee sorgenvoll betrachtet hatte, wird sich nun noch einmal beschleunigen. „Alles wird sich hier ganz bald verändert haben. Mit der Ruhe ist vorbei,“ sagt Max rückblickend, als wir am nächsten Morgen weiterfahren. Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Strasse mit sich bringt, macht auch vor San José nicht Halt. Ob sich die Menschen ein kleines Zipfelchen ihres barocken Paradieses werden bewahren können?

 

Randnotiz aus Bolivien, Santa Cruz, 18.10.2012

 

Eine einsame Fußgängerampel auf der Avenida Alemana, Santa Cruz

Bisher hatte ich jeden Morgen, wenn ich die Avenida Alemana zu Fuß überquerte, dieselbe ungute Schlagzeile vor meinem inneren Auge: Deutsche auf der Deutschen Strasse überrollt. Bisher! Denn jetzt glaube ich, das Geheimnis der bolivianischen Fußgängerampel durchschaut zu haben.

El semáforo“ heißt „die Verkehrsampel“. Aber schon für „Fußgängerampel“ gibt es im bolivianischen Spanisch keine Vokabel! Vielleicht sollte da schon ein Warnung sein? Jedenfalls hat es einige Zeit gedauert, bis ich erkannt habe, wie ich diese einsame Fußgänger-Ampel auf der Avenida Alemana überhaupt gefahrlos nutzen kann.

Es sind nur sieben Sekunden, dann springt die Drück-Ampel für mich auf Grün und auf Rot für die Autofahrer. Davon können deutsche Fußgänger nur träumen. Doch Rot ist hier in Santa Cruz kein Grund für Autofahrer, die Geschwindigkeit zu drosseln oder gar anzuhalten. Deshalb werde ich am ersten Tag und noch voll Gottvertrauen im falschen Schutz des Verkehrszeichens fast überfahren. Aber nur fast, denn mein Mißtrauen ist dann doch überlebensgroß!

Zweiter Tag: Zufällig wollen auch ein paar einheimische Fußgänger über die Strasse. Ich schließe mich ihnen an. Bei tiefstrotem Rot springen wir über die Avenida.

Dritter Tag: Wenn schon eine Ampel dasteht, dann sollte man sie auch nutzen, denke ich. (Typisch deutsch.) Bei Grün wage ich also zwei Schritte auf die Strasse, springe aber schnell zurück. Herzklopfen. Was ist, wenn sie nun doch nicht bremsen? Ausgerechnet jetzt halten die Fahrzeuge zweispurigvor mir an. Doch mittlerweile sind die fünf Grünlicht-Sekunden für mich vorbei. Schon beginnen die Autos zu hupen. Vor dem Überwegentsteht ein Stau. Aber ich traue mich nicht! Will auf eine neue Chance warten. „ ¡Pase!“, „Gehen Sie rüber!“ rufen die Autofahrer. Die vorbeigehenden Passanten sehen dem kleinen Spektakel zu. Und ich als deutsche Großstadtpflanze möchte am liebsten im Boden versinken.

Am nächsten Morgen ist aber dann tatsächlich niemand bereit, nur wegen Rot, anzuhalten. Wieder habe ich die Schlagzeile vor Augen: Deutsche auf der Deutschen Strasse… Aber irgendwie schaffe ich es: Abwarten. Losrennen. Ankommen. Ohne Ampel.

Sicherer bei Rot?

Fünfter Tag: Auch diesmal nutze ich irgendeine kleine Lücke, um zwischen den heranjagenden Fahrzeugen durchzuflutschen. Diesmal handele ich mir den Rüffel einer freundlichen Bolivianerin ein, die mich auf  die Ampel aufmerksam macht. Nein! Ich will und kann dem Fußgängergrün hier nicht vertrauen! Und: Meine Strategie funktioniert bestens. Einfach rennen, wenn Platz ist! Gut, dass zwischen den beiden Fahrtrichtungen der breiten Avenida ein dicker Grünstreifen liegt. Und dann steht da auch noch eine zweite Ampel. Zweifaches Roulette, doppeltes Risiko.

Jetzt, nach zweieinhalb Wochen, habe ich endlich das Geheimnis dieser bolivianischen Fußgängerampel knacken können. Und tatsächlich ist nun alles ganz einfach: In aller Ruhe abwarten, bis sich im Verkehr eine Lücke andeutet! Dann schnell den Ampelknopf drücken! Sieben Sekunden bis Grün, …, zwei Schritteauf die Fahrbahn! …, die heranrasenden Fahrzeuge bremsen ganz leicht ab,…, es reicht, um ruhigen Schrittes loszugehen. Schon knapp hinter meinem Rücken werden die Fahrer sofort wieder aufs Gas treten, obwohl sie noch Rot haben. Das stört mich aber nicht. Denn ich bin drüben. Wahrscheinlich würde das auch ohne Ampel klappen, doch das traue ich mich noch nicht.

 

 

Linea 51 in Santa Cruz

Randnotiz aus Bolivien. 12.Oktober 2012.

Mit weit ausgebreiteten Armen klebt „El Señor“, die Christusfigur, an der Frontscheibe und das ist auch gut so, denke ich, denn ein bisschen himmlischer Schutz ja kann nie schaden. Der „Micro“, den ich an der Avenida Alemana mit einem leichten Handwinken angehalten habe, fährt direkt ins Stadtzentrum. Wo ich aussteigen muss, um an die Plaza Principal zu gelangen, werde ich später genauer erfragen, denn es bleiben noch mindestens zwanzig Minuten Fahrzeit. Festgelegte Haltestellen, wie wir sie kennen, gibt es im bolivianischen Stadtverkehr nirgends. Es reicht ein deutliches „¡Pare!“ (Halten) oder „¡ La proxima esquina!“ (an der nächsten Ecke – bitte), um überall aussteigen zu können.

Alle fünfzehn Sitzplätze im Kleinbus sind schon dicht besetzt. Aber für meine knapp 165 Höhenzentimeter gibt es einen Stehplatz direkt hinter dem Fahrer. Mit der Linken an die Haltestange geklammert, rückseitig an der Rücklehne des Beifahrersitzes abgestützt, kann ich mich soweit zusammenfalten, dass ich nicht mit dem Kopf gegen das Busdach knalle. Ein wirklich komfortabler Platz! Kommunikativ ist er außerdem, denn meine Aufgabe bis zum Ausstieg wird es sein, mit meiner freien rechten Hand immer wieder die Zweipesosmünzen (= 2 Bolivianos) der Hinzusteigenden an den Busfahrer weiterzureichen und das Wechselgeld dann nach hinten zurückzugeben. 1,80 Bs kostet die Fahrt für Erwachsene, 1 Bs für Schüler und Studenten. Ungefähr 8 Bolivianos sind 1 Euro.

Zwischendurch bleibt Zeit, mich umzuschauen: Neben dem Busfahrer beispielsweise sitzt eine junge Frau, die den Fahrgästen fettgebackene Salteñas (Teigtaschen) zum Verkauf anbietet. Den Korb mit den gefüllten Backwaren, mit Plastikflaschen voller Majonäse, Ketchup, Senf und bereitliegenden Papierservietten hält sie zwischen die Knien geklemmt. Das Kind neben ihr schlürft aus einem durchsichtigen Plastiktütchen Mocochinchi, ein süsses Saftgetränk aus getrockneten und anschließend gekochten Pfirsichen. Dort, wo die Fahrt ins Stocken gerät, können sich die Fahrgäste auch Nüssen, Chips oder Getränken gegen kleine Münze durchs offene Fenster reichen lassen.

Die geöffneten Fenster sorgen außerdem dafür, dass es trotz 35 Grad warme Frühlingsluft im Bus gut zirkulieren kann. Tropikale Schönheiten, tiefdekoltiert und aufwendig geschminkt, tippen in ihre Mobiltelefone und bekreuzigen sich in Höhe jeder Kirche, an der wir vorbeikommen. Junge Mädchen mit langen Zöpfen und traditionellen Faltenröcken, wie sie die Indígenas im westlich kühleren Hochland tragen, beladen mit Kleinkindern und schweren Einkaufstüten, schauen schweigend nach draußen. Eine junge Mutter mit dem faltenzerknitterten Gesicht einer Greisin stillt ihr Baby.

Dass im Bus vorwiegend Frauen mit Kindern unterwegs sind, mag daran liegen, dass gerade ein wichtiges südamerikanisches Vorauswahlspiel zur Fußballweltmeisterschaft zwischen Bolivien und Peru stattfindet. Die Cafés und Restaurants, aber auch viele Geschäfte, an denen wir vorbeifahren, sind bis weit auf den Bürgersteig hinaus von Zuschauern eng umrundet: denn dort gibt es kostenloses Fernsehen für alle.

Dass für viele indigene Bolivianer heute außerdem ein besonderer Feiertag ist, davon ist im Zentrum von Santa Cruz nichts zu spüren. Vielleicht draußen in den Armenvierteln der Stadt? In La Paz, dem bolivianischen Regierungssitz hoch oben in den Anden, wird heute auf jeden Fall gefeiert, so lese ich in der Zeitung. Dort erinnert der Vielvölkerstaat Bolivien heute mit einem rituellen Festakt an die lange verdrängte Geschichte von Eroberung, Kolonialismus und Ausbeutung des Landes.

Vor einem Jahr hatte Evo Morales, der erste indigene Präsident des Landes, den 12. Oktober – bisher von der weißen Oberschicht stolz als „Kolumbus-der Entdeckertag“ gefeiert – zum „Tag der Entkolonisierung“ umgewidmet und dazu sogar ein eigenes Vize-Ministerium, zur Rückkehr an die originären Wurzeln der ursprünglichen Einheimischen, in seiner Regierung eingerichtet.

An diesem Freitagnachmittag hält sich das Verkehrschaos in der Zweimillionenstadt noch in Grenzen. Rumpelt, wankelnd und mit bewundernswerter Behendigkeit kommt der Bus voran. Zweispurige Strassen werden mindestens in Dreierreihen befahren. An Ampeln wird durchaus auch mal angehalten. Und als eine Ambulancia mit lauter Sirene auf sich aufmerksam macht, schaffen es die Autofahrer tatsächlich eine „vierte“ Spur freizumachen, um den Krankenwagen zügig durchzulassen.

Es gibt keine kommunalen Verkehrssysteme in Bolivien, so wie wir sie in Europa kennen. Taxis, Micro-Busse und Trufis (Gemeinschaftstaxi) ermöglichen den öffentlichen Nahverkehr. Dazu kommt die rapide steigende Anzahl von Privatautos für den Individualverkehr. Und weil in Santa Cruz viele, viele Taxis und Autos mit Gas fahren, ist die Luft hier noch erträglich. Anders als in La Paz beispielsweise, wo gasbetankte Fahrzeuge die steilen Strassen niemals hochschaffen würden.

Und, auch anders als in anderen bolivianischen Städten, Santa Cruz hat das verkehrstechnische Glück, dass um das historische Zentrum herum die neuen Stadtviertel im wahrsten Sinne des Wortes Ring um Ring erweitert wurden. So ist Santa Cruz in den letzten 50 Jahre um sieben, acht Ringe angewachsen und durch so viele Ausfallstrassen nach außen und sternförmig verbunden, dass der Verkehr angesichts der Masse noch erstaunlich gut fließen kann.

Auf diesen „anillos“ wiederum sorgen die sogenannten Trufis und Kleinbusse im kürzesten Minutentakten für einen erstaunlich gut funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr. Vorausgesetzt, man läßt sich auf diese kleinen, oft gammeligen, schrottigen Fahrzeuge ein. Schließlich sind aber nur diese für die Mehrheit bezahlbar. Eine Fahrt beispielsweise von einem Ende der Stadt bis zum anderen kostet circa -,25 Eurocents. Ein solches sich „rum-fahren-lassen“ allerdings können sich die privilegierten Cruzeños nicht vorstellen und setzen auf den eigenen vierradangetriebenen Geländewagen, für ihre Kinder gar oft mit privatem Fahrer.

„¡Pare por favor!“ Es klappt. Der Kleinbus hält an. Hilfsbereit weisen mir die anderen Fahrgäste noch die Richtung. Gleich werde ich irgendwo im Schatten auf der Plaza sitzen und einen kleinen süssen Kaffee trinken.

Zur Zeit bereite mich in Santa Cruz de la Sierra auf meine Recherchereise durch Bolivien vor. Geplant ist ein längerer Aufenthalt in „El Alto“, der andinen „Schwesterstadt“ von La Paz, in der in 4100 m Höhe unterdessen fast eine Millionen Indígenas leben. Ausserdem werde ich mich auf die Spuren der Jesuiten begeben, die 1690 bis 1767 zahlreiche Missionen in der bolivianischen Chiquitania gegründet haben. Bis heute haben viele Traditionen hier überlebt, wie beispielsweise die Barockmusik. Natürlich zieht es mich auch die Andendörfer, in denen ich die letzten Male gelebt habe. Dort, ebenso wie in El Alto, werde ich mein „Sockenprojekt“ weiterführen. Gerne halte ich Sie auf dem Laufenden: In unregelmäßigen Abständen werde ich bis Ende 2012 „Randnotizen aus Bolivien“ schreiben:

Erste Randnotiz aus Bolivien: Santa Cruz de la Sierra, 30. September 2012

„Es ist fast unglaublich, wie schnell die Stadt wächst,“ staunt selbst meine bolivianische Freundin. Sie kann kaum noch den Weg zu unserem Ausflugslokal auf der anderen Seite des Río Piraí finden. Obwohl sie doch hier schon seit Jahren immer wieder offroad unterwegs ist! „Alles sieht anders aus als noch vor Monaten“, sagt sie – und ich denke: „Unglaublich, vor vier Jahren bin ich hier durch die tropische Einsamkeit gefahren.“ Zur Zeit wird die staubige Piste gerade verbreitert und befestigt. Rechts und links von uns umschließen hohe Mauern neue Siedlungsanlagen für die wachsende Mittelschicht. Denn hier am Fluß ist ein herrlicher Platz für jene, die sich diese beschützte Modernität im Grünen leisten können.

Santa Cruz ist die neue Wirtschaftsmetropole im tropischen Tiefland Boliviens, seitdem hier in den 1950er Jahren die zweitgrössten Erdgasvorkommen Südamerikas gefunden wurden. Aber im Gegensatz zu früher erreicht der wachsende Wohlstand in den letzten Jahren endlich auch die indigene Mehrheitsbevölkerung. Warum? Weil der Gewinn aus dem natürlichen Reichtum des Landes nicht mehr im Ausland verschwindet. Das ist jetzt natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt, wird aber auch von Kritikern der 2006 demokratisch gewählten und indígen geprägten Regierung nicht geleugnet. „Der Bettler auf dem Silberthron“, wie Bolivien als das ärmste Land des südamerikanischen Kontinents bislang genannt wurde, ist auf dem besten Weg sein Lumpenhemd abzulegen. Dank seiner Bodenschätze und eines zumindest zur Zeit vielverprechenden Wirtschaftsmodells aus staatlicher, gemeinschaftlicher und privatwirtschaftlicher Ökonomie unter sozialer Kontrolle, so wie es seit 2009 in der neuen Verfassung festgeschrieben ist.

Auf dem Weg zu unserem Sonntagsrestaurant ist genau diese Entwicklung auch für mich deutlich im Stadtbild abzulesen: Wo sich vor einigen Jahren noch Slums, in immer neuen Ringen, ums Stadtzentrum legten, da stehen heute Steinhäuser. Wo noch vor Jahren Müll und Schrott die Strassenränder bedeckte, sind die Gehwege längst gepflastert und unvergleichlich viel sauberer. An den Ausfallsstrassen haben viele Zuwanderer, die vom Land in die Stadt abwanderten, tatsächlich eine wirtschaftlich bessere Zukunft gefunden und kleine Gewerbe gegründet.

Hier, wo Staat und Kommune nicht lenken und vorgeben, da ist es der Eigeninitiative dieser Menschen und der Unterstützung nichtstaatlicher Organisationen zu verdanken, wenn sich Slums in vitale Stadtteile weiterentwickeln. Mit Elektrizität, Wasser, Abwasser, mit Handel und Gewerbe. Wer es sich leisten kann, stockt sein ebenerdiges Haus nach und nach auf. Erste kleine Schulen entstehen. Krankenstationen. Danach bringen die Investoren auch irgendwann Einkaufszentren und immer grössere Gewerbegebiete auf den Plan. Und weil Santa Cruz unaufhörlich weiterwächst, errichten immer neue Zuwanderer mit ein paar Brettern und Blechen ein erstes Dach über ihrem Kopf. Dort, wo noch vor Monaten einfach nur nichts war.

Santa Cruz de la Sierra – acht Jahre nach meinem allerersten Besuch ist die Dynamik dieser Stadtentwicklung für mich fast nicht zu begreifen. Die Bilder von Trostlosigkeit und Elend, mit denen wir Europäer den Begriff „Slum“ verbinden, sind hier, wenn überhaupt, nur für eine kurze Entwicklungsphase zutreffend. Als Übergangsphase, bevor Zuversicht, Fleiss und Improvisationstalent viele Bewohner voranbringt.

Das Sonntagsausflugsrestaurant am Rande der Stadt ist erreicht. Vielleicht werden wir schon das nächste Mal hier so ankommen wie in den meisten deutschen Auslugslokalen auch: weder durchgerüttelt noch eingestaubt. „La Rinconada“ ist ein Freizeitparadies in üppig blühender Parklandschaft. Mit Planschbecken und Spielgeräten. Mit einem reichhaltigen Büffet regionaler Köstlichkeiten. Danach dann im Schatten der Bäume Siesta machen oder die Goldfische im Teich füttern, das kann eine Familie mit dem nötigen Kleingeld sonntags in Santa Cruz glücklich machen. Und von denen gibt es hier keineswegs weniger als noch vor Jahren.

Alle  „Bolivianischen Randnotizen“ aus 2012

Mosaico Boliviano, Coverabbildung,von Judith Grümmer und Max Steiner.

Als Max Steiner und Judith Grümmer sich entschieden, dieses Buch herauszugeben, um in Alltagsgeschichten den Facettenreichtum Boliviens zu dokumentieren, hatten sie sich zum Ziel gesetzt, der Kraft zu vertrauen, die in leisen, hintergründigen, aber authentischen Zwischentönen ruht. Entstanden ist ein Mosaik aus bolivianischen Begegnungen und Momentaufnahmen jenseits der tagesaktuellen Schlagzeilen, gedacht auch für den geschärften Blick, abseits der Themen, die ein guter touristischer Reiseführer bieten kann.

In einem Spannungsfeld zwischen journalistischer Berichterstattung, eigener Erkundungen junger Freiwilliger im Sozialeinsatz und dem Hintergrundwissen eines eingewanderten Schweiz-Bolivianers, der auch die Schattenseiten seiner neuen Heimat kennen lernte, ist „Mosaico Boliviano“ entstanden: ein Mosaik aus Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken unterschiedlichster Charaktere – so kontrastreich und vielfältig wie auch Bolivien.

„Alles, was Stimme hat, überlebt.“, kommentierte Thomas Alva Edison seine Erfindung der ersten „Sprechmaschine“, des Phonographen. Getreu seinem Motto, hat Judith Grümmer immer wieder Menschen eine Stimme gegeben und dokumentiert, was sie zu sagen haben. Ob hörbar gemacht in Radiobeiträgen oder verschriftet zwischen zwei Buchdeckeln: Die ureigene Authentizität, die Unmittelbarkeit ihres Gegenübers zu wahren, ist für die Herausgeberin ein wichtiges Stilmittel beim Sammeln von Lebensgeschichten und Momentaufnahmen.

Mosaico Boliviano.
Bolivien in Reportagen, Interviews und Momentaufnahmen

Sucre/Köln 2011, 17 x 24 cm, 220 Seiten, zahlreiche farbige, teils ganzseitige Abbildungen, broschiert. Deutsch/Spanisch. ISBN 978-3-00-033447-4. März 2011. [D] 29,80 Euro; [AT] 30,70 Euro; [CH] 49,90 CHF. Hier bestellen…

Mehr unter www.mosaicoboliviano.com

Ein Feature von Judith Grümmer

Fünf Stricknadeln, „cinco palillos“ und etwas Wolle öffnen Türen, lösen Zungen, ermöglichen Nähe ohne große Worte. Sieben Monate lebt und arbeitet die Autorin als Freiwillige in Bolivien, paukt die Sprache, entdeckt das Land und bekommt eine ungeahnte Aufgabe: Dorffrauen bitten sie, ihnen das Sockenstricken zu zeigen. Beim gemeinsamen Nadelspiel wird die Beobachterin zur Sammlerin bolivianischer Alltagsgeschichten.

Ein Jahr später hat der Fortschritt neue Straßen, Internet und Mobiltelefon in die abgelegenen Dörfer gebracht. Es wird investiert, gebaut und verbessert. Die Nachfahren der einstigen Sklaven beginnen die Zukunft Boliviens mit ihrem Wahlrecht, durch Schulbildung, Eigeninitiative und Kreativität zu gestalten.

Zukunftsprojekte, wie das mit gestrickten Strümpfen Minijobs zu entwickeln, gibt es viele. Für ihr Gelingen bitten die Dorfältesten in uralten Ritualen mit Kokablätter und Chicha aus vergorenem Mais um die Gunst von Pachamama. Denn die Mutter der Erde bleibt auch in Internetalter die Beschützerin vieler Bolivianer.

Eine Produktion des Deutschlandfunk 2010

Follow

Get every new post delivered to your Inbox

Join other followers: