Randnotiz aus Bolivien, 19. und 21. November 2012

Blick über La Paz, von El Alto aus.

Ein letzter Blick zurück auf die verschneiten Berggipfel der Königskordilleren, während der Bus sich die steilen Strassen von La Paz qualmend hinauf quält. Dann eine stundenlange, rasendschnelle Fahrt über die fast topfebene Hochfläche der Anden.

Im letzten Licht der untergehenden Sonne bearbeiten die Bauern ihre winzigen Felder. Postkartenidylle auf dem Altiplano. Jetzt, nach den ersten Regenfällen, können sie endlich mit der Saat beginnen: Kartoffeln, Bohnen, Zwiebeln und Gerste als Beifutter für´s Vieh. Die meisten Kleinbauern beackern hier oben ihr Land von Hand oder mit Hilfe von Ochsen. „Traktoren sind viel zu teuer und hier auf den mageren Böden auch nicht wirklich hilfreich,“ hat Doña Ela mir noch vor ein paar Tagen erklärt. Soweit das Auge reicht wechseln sich – auf 4100 Meter – jene Farben ab, die die brennende Sonne und die monatelange Trockenheit übrig gelassen hat: Ocker, Braun, Schwarz, Mattgelb. Erdtöne in allen Schattierungen.

Entlang der Strasse reihen sich lehmfarbene Hütten und ziegelrote, unverputzte Wohnhäuser, Autowerkstätten, kleine Geschäfte und einfache Übernachtungsmöglichkeiten aneinander. Dazwischen mal eine kleine Schule, mal eine Krankenstation. Aus diesem Einerlei von Naturtönen stechen hin und wieder blau-weiß oder weiß-rot gepinselte Mauern hervor, Werbeflächen für Mobilfunk und Limonade.

Strassenblockaden

Altiplano - Bauerngehöft vor den schneebedeckten Kordilleren

Altiplano – Bauerngehöft vor den schneebedeckten Kordilleren

Nach zwei Wochen in El Alto bin ich jetzt auf dem Weg nach Santa Cruz de la Sierra, in die tropische Wirtschaftsmetropole Boliviens. Normalerweise dauert die Fahrt fünfzehn Stunden. Doch anhaltende Strassenblockaden haben die Busgesellschaft dazu veranlaßt, ihren Fahrplan umzustellen: „Wir werden die „alte Strasse“ quer durch die Berge nehmen müssen,“ wird vor der Abfahrt angekündigt, „um die gut ausgebaute, aber blockierte Fernstrasse zu umfahren.“ Das bedeutet: Neunzehn Stunden Fahrzeit. Aber die Fahrgäste nehmen es gelassen. Jeder, der in Bolivien seinem Protest-gegen-was-auch-immer energisch Ausdruck verleihen möchte und die Gelegenheit hat, eine vielbefahrene Strasse blockieren zu können, der nutzt dieses politische Instrument, um seine eigenen Interessen jenseits demokratischer Mehrheitsbildungen durchzusetzen.

Warum die gut ausgebaute Strecke zwischen La Paz und Santa Cruz zur Zeit blockiert wird? Bei den zahlreichen Blockaden der vergangenen Tage habe nicht nur ich den Überblick verloren. Zur Zeit geht es wohl vorallen um die Arbeitssituation der Lkw- und Bus- und Taxisfahrer, aber auch um Streitigkeiten einzelner Gemeinden bei der kommunalen Grenzziehungen im Vorfeld der Volkszählung. Denn der anstehende Zensus verspricht, je nach Einwohnerzahl, mehr Geld für Infrastrukturmaßnahmen im Gemeindehaushalt.

La Siberia”

Abenddämmerung: Nebel fließt über die Berggipfel von "La Siberia"

Abenddämmerung: Nebel fließt über die Berggipfel von „La Siberia“

Statt also wie geplant über die asphaltierte Strecke 450 Kilometer lang schnurgerade im Andenvorland unterwegs zu sein, superbequem in einem modernen Schlafbus, fahren wir nun in einem kleineren, wendigeren, aber auch rappeligeren Alt-Modell über die unbefestigte, schmale „La Siberia“. Die alte Strassenverbindung zwischen Cochabamba und Santa Cruz wird normalerweise schon aus Sicherheitsgründen vom Fernverkehr nur noch selten befahren. „La Siberia“, schon der Name deutet auf Kälte und Nebel hin. Hier überqueren wir noch ein letzten Mal rund 4000 Meter hochgelegene Bergpässe. Viele fürchten den fast permanenten Nebel, weil hier die kalte Luft des Altiplano auf die tropisch-feuchte Warmluft trifft. Man könnte auch sagen, dass dies das Abenteuer ins fast Unerträgliche steigert. Aber auf jeden Fall gehört diese unbefestigte Alternativstrecke zu den schönsten Panoramastrecken Boliviens.

Durch den Nebenwald von "La Siberia"

Durch den Nebenwald von „La Siberia“

Zunächst kurvt der Bus in tiefer Dunkelheit bergauf und talab. Ab und zu durchfahren wir einige Dörfer und mir fällt auf, dass sie unterdessen alle an die Stromversorgung angeschlossen sind. Es gibt Strassenbeleuchtung und in dem einem oder anderen Haus brennt auch mitten in der Nacht noch Licht. Dann wieder liegen viele Kilometer unbewohnter Dunkelheit vor uns. Dann umspannt ein gigantischer Sternenhimmel den Himmel in einer Pracht, die wir so auf der Nordhalbkugel nicht kennen. Nach und nach schäle ich mich aus meinen Jacken, Pullovern und lege den Schlafsack beiseite. Es wird wärmer, je tiefer wir kommen. Und auch sauerstoffhaltiger.

Als die Sonne um kurz nach halb Sechs aufgeht, sieht die Welt völlig anders aus

Panaramablick über die Andentäler

Beim ersten Morgenlicht stockt mir fast der Atem: Grün, grün, grün, alles ist saftig grün. Und der Fernblick über die schroffen, sich fast bis in die Unendlichkeit aneinanderreihenden Bergketten der „Valles“, der Andentäler, macht fast schwindelig. Auch das Auf und Ab zwischen Gipfeln und Talsohlen. Allerdings bemerke ich jetzt, beim Blick aus dem Seitenfenster, wie oft die Radkästen dieses Busses fast über dem unbefestigten Abgrund hängen. Und wie schmal die Strasse wirklich ist. Und ich erkenne die Kreuze am Strassenrand. Und hoffe, dass wir heil an unserem Fahrtziel ankommen. Zwar ist es auch in Bolivien verpflichtend geregelt, dass die Chauffeure alle vier Stunden eine Pause einlegen müssen, doch der Busfahrer sitzt schon mehr als 12 Stunden hinterm Lenkrad. Und weitere sieben Stunden liegen vor uns. Zwei Pinkelstopps am Strassenrand, (die Damen müssen ungeniert unter den Blicken aller in die Hocke gehen), keine Kaffeepause. Für die Fahrgäste gibt es vier Kinofilme auf den buseigenen Fernsehmonitoren. Der Busfahrer kaut Kokablätter. Die halten wach. Das muss reichen.

Ein wunderbares Land der Extreme – touristisch betrachtet

Blick vom 5300 m hohen Chacatalla. So hoch hinaus kann man in Bolivien mit dem Auto kommen.

Blick vom 5300 m hohen Chacatalla. So hoch hinaus kann man in Bolivien mit dem Auto kommen.

Bolivien ist ein Land der geographischen, klimatischen und sozialen Gegensätzlichkeiten. Das erspürt im wahrsten Sinne des Wortes jeder, der durch dieses faszinierende Land reist.

Das Altiplano: Karg, oft eiskalt und dennoch sonnenverbrannt, trocken, fast feindlich allen Lebewesen gegenüber, die sich nicht schon seit Jahrtausenden angepaßt haben, um hier zu überleben.

Der Salar de Uyuni. Mittendrin die Insel Incahuasi (quechua für Haus des Inka), auf der tausendjährige Kakteen wachsen.

Ein Land der Superlative: Mit dem größten Salzsee der Welt, dem Salar de Uyuni. Auch den höchstgelegensten Binnensee teilt sich Bolivien mit Peru, den Titicacasee. Wer will, kann mit dem Taxi auf den Chacatalla fahren und aus 5300 Meter Höhe über die Königskordilleren und das Altiplano schauen. Oder auch ohne bergsteigerische Erfahrung, aber mit guter Höhenanpassung, den etwas über 6000 Meter hohen Huayna Potosí besteigen.

Die letzte andine Hügelkette, nordöstlich von La Paz, danach beginnt das Amazonas-Tiefland.

Dreieinhalbtausend Höhenmeter tiefer als das Altiplano und oft mehr als 35 Grad Celsius wärmer: Das immerfeuchte, fruchtbare bolivianische Tiefland in tropisch-üppigem Grün. Hier behaupten die Menschen ganz kokett von sich selbst, „flojos“, also Faulenzer zu sein, denen die Früchte in den Mund wachsen. Hier lebt sich mit der sprichwörtlichen Leichtigkeit des Seins statt mit der Mühsal und Plackerei des Hochlandes. Dazwischen die Gemüsekammern Bolivien: die fruchtbaren Täler der Anden, in denen die köstlichsten Früchte und Gemüse gedeihen. Und wer noch mehr von Bolivien Vielfalt kennenlernen möchte, der kann auf den Oberläufen des Amazonas durch einen vergleichweise unberührten Regenwald paddeln oder sich auf das Abenteuer einlassen, die artenreiche Pampa in Begleitung geschulter Einheimischer zu erkunden. Mit Krokodilen, Piranjas, Süßwasserdelfinen, mit Affen, Papageien, Schlangen und und und…

Auf dem Weg zur Mehrklassengesellschaft

"Unten in der Tiefe von La Paz leben die Reichen, oben auf dem Altiplano die Armen." - dieser Spruch gilt seit kurzem nicht mehr.

„Unten in der Tiefe von La Paz leben die Reichen, oben auf dem Altiplano die Armen.“ – dieser Spruch gilt seit kurzem nicht mehr.

Im Gegensatz zu diesen landschaftlichen und klimatischen Kontrasten, sind die sozialen Ungleichheiten im Land längst nicht mehr so krass wie noch vor wenigen Jahren: Die Zweiklassen-Gesellschaft Boliviens ist dabei aufzubrechen. Eine aufstrebende, größtenteils indigene Mittelschicht verändert das Land. Insbesondere in El Alto und den Bergbaustädten Potosí und Oururo gibt es inzwischen sogar eine originäre, reiche Oberschicht aus Minenarbeitern, Händlern und Unternehmern, die mit schicken Autos, großen Häusern und goldfunkelnden Zahnreihen ihren Erfolg nach außen trägt. Und weil das Elend auf dem Land früher besonders extrem war, hat der seit sechs Jahren regierende Präsident Boliviens Evo Morales, aus dem Volk der Aymara, zunächst vorallem die Entwicklung der ländlichen Regionen vorangetrieben: Mit einer flächendeckenden Stromversorgung, Trinkwasser, Telefon, Internet und vorallem mit einem gigantischen Strassenbauprogramm. Auch die Gesundheitversorgung auf dem Land hat sich verbessert, ebenso wie die schulischen Angebote.

El Alto im Rückblick

Abschiedsessen in der Gastfamilie

Nach meinen Abschied von Doña Ela und ihrer Familie und meinen Versprechen, irgendwann wieder zu kommen, habe ich im Bus nun viel Zeit, meine neuen Eindrücke aus dem Hochland zu sortieren: Ist El Alto tatsächlich (noch) die Elendsstadt, als die sie beschrieben wird: Die „schmutzige, arme Schwester“ von La Paz?

Einzig die Kälte auf 4100 Höhenmetern, das ungeheizte Häuschen und die nur minimal temparierte Dusche haben mir zu schaffen gemacht. Die sieben Wolldecken auf meinem Bett waren in den Nächten allerdings auch bitternötig. Luxusprobleme. Ansonsten habe ich in den knapp zwei Wochen viel erlebt und gesehen, was mich berührt, erstaunt, bereichert hat: Die Herzlichkeit von Doña Ela und die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich in ihren Alltag aufgenommen hat. Die kleinen Einblicke in die Gesellschaft der Aymara, deren Treffen und Ritualfeiern ich beiwohnen durfte. Die Gespräche mit den Amautas, den geistigen Anführern der Aymara-Gesellschaft, über deren Denkweise ich mehr erfahren durfte. Und die langen Fußmärsche über Land, als ich mit Doña Ela die Dörfer ihrer Vorfahren oder das verwaiste Haus ihres Vaters besuchte.

Die Küche im Haus ihres verstorbenen Vaters. Hier möchte Doña Ela eines Tages vielleicht wieder leben. „So wie meine Vorfahren: Ruhig und bescheiden,“ sagt sie.

Gemeinsam haben wir den Bauarbeitern draußen in der Einöde warmes Essen und Koka vorbeigebracht. Sonst hätten sie sich nur mit Koka durch den Tag gebracht, um weiter an dem von Doña Ela betreuten Bau-Projekt weiterzuarbeiten, einem Versammlungshaus für die Landfrauen der Umgegend. Gemeinsam haben wir Wasser und Steine geschleppt, wobei meine Mitarbeit wohl vorallem als symbolische Solidaritätserklärung einer Gringa aus Alemania willkommen war. Zusammen haben wir die Märkte der berüchtigten „La Ceja“ abgeklappert und dann gekocht.

El Alto – Abends sitzen wir in warmen Decken gehüllt zusammen ich zeige, wie man mit einem Nadelspiel Socken stricken kann. „Sin Costura.“ Ohne Naht!

Und abends mit ihren Schwestern und Freundinnen zusammengesessen. Tag für Tag brachte Doña Ela mir „ihr El Alto“ näher, diese in wenigen Jahrzehnten entstandene indigene Millionenstadt, die nur wenig mit dem zu tun hat, was beispielsweise bei Wikipedia geschrieben steht.

Fußgänger plus Verkaufsstände plus Strassenverkehr gleich: tagtäglicher Stau bis zum Geht-nicht-mehr.

Wir sind immer noch viel zu wenig und zu schlecht organisiert in dieser Stadt,“ hat Doña Ela auf ihren Gängen durch die Strassen El Alto immer wieder geschimpft. „Die Müllabfuhr schafft ihre Arbeit nicht. Auch, weil die Menschen einfach allen Dreck auf die Strasse werfen.“ Und tatsächlich sehe ich mit eigenen Augen nicht nur Berge von Plastikmüll, sondern auch, wie manche Autowerkstätten das Altöl einfach in den Boden laufen lassen. Oder in die Kanäle.„Die Marktfrauen und Händler verstopfen mit ihren ausgelegten Waren die Fahrwege und verursachen so ein unvorstellbares Verkehrschaos, dem auch die Stadtverwaltung immer noch tatenlos gegenübersteht,“ höre ich immer wieder von anderen alteingesessene Minenarbeiterfamilien in El Alto. Sie kritisieren die später hinzugezogenen Bauern- und Händerfamilien als unerzogen und rücksichtslos. Trotzdem habe sich die Stadt in den letzten Jahren weiterentwickelt. „Denn alle Stadtteile sind ans Stromnetz angeschlossen. Aber es kommen fast täglich neue Menschen hinzu, die sich ein freies Stück Land abstecken, um dort neue Lehmhütten oder Steinhäuser zu bauen! Und so schnell können die fast über Nacht neu entstehenden Wohngebiete nicht urbanisiert werden.“

Gemeinsam für eine bessere Zukunft”

El Alto ändert sich!“ Unter diesem Motto werben die Fernsehkanäle in El Alto, ebenso wie die anderer Städte und Regionen des Landes dafür, dass die Zukunft gemeinsam in die Hand zu nehmen haben. Alteingesessene und Neuankömmlinge. „El Alto ändert sich!“ deklamieren die Fernsehprogramme täglich aufs Neue. In kleinen und wirklich gut gemachten Werbefilmchen versuchen die Medien aufzuklären und zu erziehen: Dass Müll die „Mutter Erde“ vergiftet, beispielsweise. Oder, dass Diskrimination verboten ist. Auch dies ein Medienthema, das in einer Deutlichkeit formuliert wird, wie ich es auch aus Deutschland nicht kenne. Homosexuelle, Transsexuelle und Transvestiten, Behinderte, Schwarze, Weiße, Originäre, egal welcher Religionsangehörigkeit, egal mit welchem Bildungsabschluss, ob arm oder reich, ob Mann oder Frau oder Kind – so heisst es – alle Bolivianer haben die gleichen Rechte und dürfen nicht diskriminiert werden.

Deine Antwort zählt.“

Doch das wichtigste Thema in diesen Tagen ist die für den 21. November geplante Volkszählung. Denn der aktuelle Zensus soll endlich darüber Klarheit schaffen, welche Entwicklungsschritte als nächstes wichtig sind.

Deine Antwort zählt. Öffne deine Türen dem Zensus.“ Seit Wochen wirbt die Regierung für diese anstehende Volkszählung. Endlich soll Gewissheit herrschen, wieviele Einwohner Bolivien denn nun wirklich hat. Die acht Millionen, die zuletzt vor elf Jahren gezählt wurden, sind schon längst nicht mehr aktuell. Denn vor dem „Wandel“, also in der Zeit vor dem ersten indigenen Präsidenten, hatten viele Originäre keinen Sinn darin erkennen können, sich überhaupt registrieren zu lassen.

Das Leben in Bolivien wird dann rund anderthalb Tage stillstehen: Mit strengem Ausgangs-, Reise- und auch Alkoholverbot. Schulen, Universitäten, Geschäfte, Büros, alles wird geschlossen bleiben. 49 Fragen sind dann zu beantworten. Es geht nicht nur um die aktuelle Bevölkerungszahl, sondern auch um Wohn- und Lebensbedingungen in Bolivien. Die Fragen drehen sich um die Beschaffenheit der Wohnräume, um die sanitären Verhältnisse, um Energieversorgung und Müllentsorgung. Es wird nach den Einkommensverhältnissen gefragt werden, nach Aubildungsniveau und Beschäftigungsverhältnis, nach Gesundheit, Zugehörigkeitsgefühl, aber nicht nach der Religion. Die Fragebögen gibt es seit Tagen für einen Boliviano zu kaufen. Oder auch im Internet.

Santa Cruz. Zwei Tage später

21. November 2012, ein Mittwochnachmittag inmitten der Millionenstadt Santa Cruz.

Es herrscht tiefe Stille in der sonst so lebendigen tropischen Metropole Santa Cruz. Werden zwei Millionen Einwohner erfasst werden? Oder mehr? 2001 wurden in Santa Cruz etwas mehr als eine Millionen Menschen gezählt. Und wieviele leben im Vergleich dazu heute in El Alto und La Paz? Von den Antworten werden die zukünftigen Infrastrukturmaßnahmen abhängen.

Die absolute Ausgangssperre für 24 Stunden wird von den Menschen sehr ernst genommen. An unserer Tür klebt seit 11:15 Uhr das kleine Schild: „Vivienda censada“.

Dieses Haus ist erfasst: „Volkszählung 2012“

Die 49 Fragen haben wir alle beantwortet… auch ich als Ausländerin und Gast. Denn alle, die sich an diesem 21. November in Bolivien befinden, selbst jene am Flughafen, werden statistisch erfasst und befragt. Es wird wohl einige Monate dauern, bis die aktuellen Zahlen auf dem Tisch liegen. Aber ganz sicher wird sich die rasante Entwicklung Boliviens dann auch Schwarz auf Weiß belegen lassen.

El Alto/ La Paz, 18.11.2012

„… ich hoffe, du wirst dich in meinem Haus wohl fühlen.“ Und mit diesen Worten nimmt Doña Ela mich in den Arm. „Herzlich Willkommen, Schwester. Meine Familie ist deine Familie.“

Doña Ela und ihre Tochter Tania hoch über La Paz

Seit sechs Tagen lebe ich nun in ihrer Familie, und während ich meine Eindrücke zu sortieren versuche, habe ich mich in eine Wolldecke eingewickelt und zwei Pullover übereinander gezogen. El Alto liegt auf einer ca. 4100 m hohen Andenhochebene, unweit des Lago Titicaca und in unmittelbarer Nachbarschaft zum bolivianischen Regierungssitz La Paz. Ursprünglich, vor rund dreißig Jahren, lebten hier nur wenige Aymara-Familien. Unterdessen ist El Alto nicht nur zur höchst gelegenen indigenen Millionenstadt der Welt, sondern auch zu einer der weltweit extremsten Großstädte herangewachsen. Mehr selbstorganisiert als städtebaulich geregelt. Chaotisch, aber dennoch erstaunlich gut funktionierend. Karg, windig, rau, sonnenverbrannt und oft eiskalt. Mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von plus 8 Grad Celsius. Und das in einem Land, in dem Heizungen selbst bei den Wohlhabenderen bis heute fast unbekannt sind. Deswegen hat Doña Ela mir sieben Wolldecken aufs Bett gelegt und deshalb schlafen viele indigene Familien bis heute in einem einzigen Bett.

Hoch über La Paz

El Alto, Ciudad Satelite

Vor rund zwanzig Jahren kam Doña Ela mit ihrer Familie in die Ciudad Satelite, einem bis heute ruhigen Stadtteil von El Alto, direkt an der „Kante“ zu La Paz. An der „Kante“ ist wortwörtlich gemeint, denn La Paz liegt in einem tief abfallenden Talkessel, der südlich von El Alto schroff und tief bis auf 3200 Höhenmeter abfällt und dessen nördliche Bergwände dann wieder steil in die über 6000 Meter hohen Königskordilleren aufsteigen. Eine Millionenstadt, deren Häuser an unvorstellbar steilen Hängen kleben.

Bis vor wenigen Jahren galt hier noch die Faustregel: „Je höher, dessto ärmer.“ Denn wer es sich leisten konnte, und das waren lange Zeit vorwiegend „Blancos“ zog ganz tief nach unten in den Talkessel, wo auf „nur noch“ 3200 Höhenmetern die Durchschnittstemperatur rund 14 Grad C wärmer ist als hier oben auf der Hochfläche, wo Doña Ela mit ihre Familie lebt. Ganz tief unten: Luxuriöse Villen, teure Autos, edle Designer-Boutiquen, ausladende Supermärkte, fast tropical anmutende Cafés und schicke Restaurants. Und ganz weit oben? Das Altiplano mit dem Flughafen von La Paz. Und drumherum eine planlos und aus dem Nichts entstandene Stadt, die bisher meistens als arm, elend, chaotisch, kalt und gefährlich beschrieben wird.

Mit durchaus gemischten Gefühlen habe ich die Einladung angenommen, mir selbst ein Bild von El Alto und dem Alltag einer Aymara-Familie zu machen. Doch schon die Herzlichkeit, mit der mich Ela als ihre Schwester aus Deutschland begrüßt, mir einen heißen Kokatee reicht, um mir dann noch eine Wolldecke um die Schultern zu legen, nimmt mir die Anspannung. Und schon nach wenigen Minuten sitzen wir plaudernd zusammen. „Alles, was ich gelernt habe, hat mich das Leben gelehrt, nicht meine Mutter.“ beginnt Ela ihre Geschichte. „Meine Mutter starb an einer Lungenentzündung, als ich noch ein kleines Mädchen war. Schon als Kind habe ich den ganzen Haushalt führen müssen. Ich versuchte, dann beispielsweise etwas zu kochen. Aber weil mir niemand gezeigt hatte, wie man ein gutes Gericht zubereitet, ist mir das Essen anfangs oft angebrannt. Auérdem musste ich für die ganze Familie putzen und die Wäsche gewaschen, bis meine Hände kaputt waren vom kalten Wasser. Aber ich habe alles gelernt, was wichtig ist. Später dann sogar Lesen und Schreiben. Aber meine Mutter fehlt mir bis heute.“

La Ciudad Satelite

Die stillgelegte Schienenverbindung

Doña Ela, meine Gastgeberin, zog mit ihrem Mann Rene vor siebenundzwanzig Jahren nach El Alto. Hier entstand damals, als Ela und Rene hier ihr Häuschen bauten, das erste urbanisierte, also mit Strom, Wasser, Kanalisation versorgte Wohngebiet. „Es war eine Art Sozialprojekt für ehemalige Mineros,“ einnert sich Ela heute. Wie ein Satelit im Nichts. Und unweit der heute berühmtberüchtigten „La Ceja“, jener „Augenbraue“, die heute das Handelszentrum von El Alto, aber auch ein Anziehungspunkt für Diebe und Betrüger ist. Damals, so erzählt Ela, gab es hier sogar noch eine Zugverbindung zwischen La Paz und El Alto über das Altiplano bis zu den Häfen der Pazifikküste. Später wurde diese Zugstrecke privatisiert und dann abgewickelt. Heute dient der alte Schienenstrang nur noch als Fußweg, als Freifläche für Händler oder einfach als Müllablade. 1985 wurde El Alto, bis dahin ein Stadtteil von La Paz, dann zur eigenständigen Stadt ernannt.

Bis zu ihrem Umzug nach El Alto hatte auch Rene als Minenarbeiter seinen Unterhalt verdient, erst in der Zinnmine Milluni am Fuße des Huayna Potosi und später dann über Tage als Ingenieur. Doch dann wurde die Zinkmine stillgelegt und wie die meisten Familie ihrer Minen-Kooperative, so mussten auch Rene und Ela ihre Heimat verlassen. „Wir waren verliebt und wir hofften, dass unser Leben in der Stadt einfacher einfacher sein würde.“ Ob sich diese Hoffnung bewahrheitet hat? Diese Frage verkneife ich mir, denn ich möchte nicht unhöflich erscheinen. Ganz sicher wird Ela mir diese Frage in den kommenden Tagen von ganz alleine beantworten.

Die Schädel der Ahnen

Aber als erstes soll ich meine Gastgeberin auf den Friedhof von El Alto begleiten. Denn an diesem Novembermorgen, am „Dia de las Ñatitas“, dem achten Tag nach „Todos Santos“, treffen sich viele Aymara-Familie an den Gräbern ihrer Vorfahren, um die Schädel ihrer Vorfahren segnen zu lassen, um mit ihnen zu feiern oder auch um ihren Schutz zu erbitten. Ich lasse meine Kamera im Koffer, denn noch weiß ich nicht, wann ich was und wen abbilden darf. Ich weiß nur, dass viele konservative Aymara um ihr Seelenheil fürchten, wenn sie ungefragt fotografiert werden. Schon vor den Friedhofsmauern erwarten uns die „Amataus“, die Weisen der Aymara. Ela ist in der Aymara-Gesellschaft eine „Dirigente“, also eine leitende Persönlichkeit auf dem Altiplano, die zu wichtigen Versammlungen gerufen wird und die viele ehrenamtliche Aufgaben hat, um den Alltag der Gemeinschaft zu organisieren und, wie sie sagt, vorallem auch zu verbessern. Ela´s „Schwester aus Deutschland“, wird von allen herzlichst begrüßt und ausdrücklich eingeladen, auf dem Friedhof mitzufeiern.

Immer mehr Familien tragen an diesem Morgen verglaste Vitrinen auf den Friedhof, stellen sie gemeinsam fast altarähnlich auf und neben die Gräber zusammen. In jedem Kasten sind ein, zwei, drei Menschenschädel aufbwahrt. Ihre Augen- und Nasenhöhlen sind mit Watte verschlossen. Viele tragen Mützen, Sonnenbrillen, manche auch ihre Zahnprothesen. Alle diese Totenköpfe werden nun mit frischen Blumen bekränzt, von den versammelten Menschen mit Blütenblättern bestreut. Die Aymara-Weisen entzünden weihrauchqualmende kleine Tonschalen, umkreisen die Köpfe der Vorfahren. Dann sprechen die „Amataus“ nacheinander Gebete, in Spanisch und in Aymara. Ela sortiert mir einige Kokablätter, paarweise geordnet, in die Hand, dazu ein paar Kekse und Zuckerstücke. Diese Geschenke für die Vorfahren lege ich gemeinsam mit den Einheimischen vorsichtig in zwei vorbereitete Opferschalen, die anschließend auf einem Holzscheit verbrannt werden, damit ihre Opfergaben als Rauch die Seelen der Toten erreichen kann. Dann wird die Kokatüte erneut herumgereicht, denn auch das Kauen der „Heiligen Pflanze“ gehört zu jeder rituellen Handlung unbedingt dazu. „Wir Lebenden können unser Leben besser meistern, wenn wir unsere Wurzeln kennen und unsere Traditionen pflegen,“ erklärt Ela, „Aber nicht alle Familien holen deshalb die Schädel ihrer Vorfahren nach Hause. Ich selbst wollte meine Eltern nicht in ihrer Ruhe stören, deshalb liegen sie in ihren Vollkommenheit in ihren Gräbern. Und die werden wir heute nachmittag besuchen.“

Besorgt um meine Gesundheit, erkundigt sich meine Gastfamilie immer wieder, ob ich auch wirklich keine Kopfschmerzen habe. Keine Atemnot. Keinen Schwindel. Und ob ich auch warm genug gekleidet bin. Und ob auch meinen Sombrero dabei habe. Denn die Sonne ist sehr stark in dieser Höhe. Sicherheitshalber packt Ela dann noch eine Thermoskanne mit heißem Wasser und eine Tüte Kokablätter ein. Meine Gastfamilie wollen mit mir heute noch hoch hinaus: zum Friedhof an den Minen des Huayna Potosí. Dort könnte der Kokatee doch noch wichtig werden, denn er hilft den roten Blutkörperchen, mehr Sauerstoff anzudocken, wenn die 4450 unseres Ausflugszieles mir dann doch zu Kopf steigen sollten.

Sonderfahrt“ zum Huyana Potosí

Sonderfahrt zum Huayna Potosí

Das hätte ich mir in der Hitze von Santa Cruz auch nicht vorstellen können, dass ich nun in der Kälte des Altiplanos mit einem „Mikro“ über die unbefestigten Pisten der Königskordilleren fahren würde. Der „Mikro“ gehört meiner Gastfamilie und ist ihre wichtigste Einkommensquelle. „Aber wir besitzen auch draußen im Altplano noch ein wenig Land. Da bauen wir Kartoffel und Bohnen an und Gerste als Beifutter für das Vieh. Denn wir besitzen auch noch ein paar Rinder und Kühe. Denn von den spärlichen Einkünften allein, die der Mikro uns einbringt, können wir heute nur schwer leben“, erklärt Ela. Rene befördert mit seinem Bus täglich rund 14 Stunden lang Fahrgäste zwischen El Alto und La Paz. Die Fahrt kostet einen Boliviano ( = 0,80 Euro). Und auch wenn das Gas für seinen Mikro staatlich suventioniert ist, so gehört er als „Transportista“ doch zu den Schlechtverdienern von El Alto, meint Rene.

Trotzdem soll dieser Nachmittag seiner Familie gehören. Für mich eine tolle Gelegenheit ganz vorne beim Fahrer völlig entspannt erst den chaotisch-spannenden Strassenverkehr von El Alto, dann ein irres Panorama über die Millionenstadt und dann die Fahrt idurch die Königskordilleren zu genießen. Llama-Herden weiden an den Berghängen, Bäche sprudeln, kleine Wasserfälle glitzern in der Sonne. Immer wieder auch Bergseen. Und dann der schneebedeckte Gipfel des Huayna Potosí. Für mich wunderschön. Für meine Gastfamilie erschreckend. Denn dort, wo in ihrer Jugend noch ganzjährig die Gletscherzungen des Huayna Potosí bis ins Tal leckten, sind heute nur noch nackte Felsen. „Verbrannte Steine“, nenne sie das. Und auch die Seen seien für die Jahreszeit viel zu sehr geschrumpft, zu flach oder gar ausgetrocknet. „Klimawandel“, dieses Wort fällt an diesem Nachmittag immer wieder.

Friedhof am Huyana Potosí

Dieser Friedhof hatte früher mehr Einwohner als unser Dorf,“ erzählt Ela, als wir zwischen den Gräbern ihrer Vorfahren stehen. Für mich sehen die Grabstellen im ersten Moment wie chaotische Steinhaufen aus. Aber nachdem die Steine weggeräumt sind, erkenne ich die Grabstellen, die nun mit frischen Blumen geschmückt werden sollen. Außerdem legen Ela und Rene ihren Ahnen noch etwas Gebäck aufs Grab. „Wir müssen alles gut abdecken, denn sonst fressen die Llamas alles weg.“ erklärt Ela, nachdem die Blumen unter den Steinhaufen verschwunden sind. Und dann möchte Ela mir noch die Reste ihres Dorfes zeigen. Die von ihrem Besitzer in den 1980er Jahren stillgelegte Mine wird heute von einer Kooperative wieder bewirtschaftet. Vierzig Minenarbeiten holen hier in Handarbeit das zinkhaltige Gestein aus der Erde. Aber die Häuser ihrer Jugend am Fuße des Mineneingangs sind bis heute verschwunden. Zerstört auf Befehl des damaligen Präsidenten, so sagen die ehemaligen Mineros. „Asi es la vida“, „So ist das Leben“, zuckt Ela mit den Schultern.

Eigentlich ging es uns Mineros hier draußen in den Tälern viel besser als heute in der Stadt. Es hat uns damals an nichts gefehlt. Wir hatten genug zu essen.“ wird mir Ela ein paar Tage später erzählen. „Aber die Arbeit war hart und jedes Mal, wenn die Glocke geschlagen wurde, rannten alle Frauen und Kinder zum Mineneingang, denn dann war wieder ein Mann, ein Sohn, ein Bruder gestorben. Und neben der Glocke war ein Kalender an die Wand gemalt. Hier wurden die Tage ohne Opfer gezählt: Zehn Tage ohne Tote. Zwanzig Tage ohne Tote. Vierzig Tage ohne Tote, aber das war sehr selten.“

Meine Gastfamilie am Fuße des Huyana Potosí

Ela und Rene gehören als ehemalige Mineros zu den „alteingesessenen Aymara-Familie“ von El Alto und darauf sind die Beiden stolz. Trotzdem sind sie nicht reich geworden, so wie die anderen, die Händler,  die Marktfrauen und die Fabrikanten.  Aber die seien auch in ihren eigenen Syndikaten organisiert und hätten den Handel unter sich aufgeteilt. Auch Rene ist als Mikro-Fahrer  in einem Syndikat organisiert. „Doch wegen der ständigen Staus, auch verursacht durc di Händler, die die Strassen mit ihren Marktständen blockieren, läßt sich im öffentlichen Transportwesen hier in der Stadt kaum Geld verdienen,“ erklärt Ela mir einige Tage später einen Grund für ihre geplatzten Träume. „Ich wasche immer noch mit meinen eigenen Händen. Aber wir können unseren Kindern ihr Studium bezahlen. Und das ist das Wichtigste für unsere Zukunft und für die Zukunft unseres Landes: Die Qualifizierung unserer Kinder!“

Tatsächlich ist in El Alto in den letzten Jahr schon eine Mittel- und eine Oberschicht herangewachsen. Es gibt immer mehr Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Architekturbüros, die sich in El Alto inzwischen niedergelassen habe. Und farbenfrohe, fast villenähnlichen Häuschen, die oben auf den Dachgeschossen des ständig anwachsenden Meeres von Hochhäusern thonen. Und die Luxuslimosinen, die durch El Alto kurven. Und dann gibt es noch die anwachsende Zahl von Universitäten. Allerdings: Tochter Tania geht unten in La Paz zur Uni. Das ist ihren Eltern ganz wichtig. Denn unten sei das Ausbildungsniveau höher. Deshalb haben sie ihre Tochter auch schon den langen Weg ins Tal geschickt, um ein Mädchen-Colegio unten im Süden zu besuchen.

Inzwischen ist die El Alto auf wahrscheinlich mehr als eine Millionen Einwohner angewachsen.  Aber so ganz genau weiß das heute niemand. Am 21. November, also in der kommenden Woche wird in ganz Bolivien eine Volkszählung durchgeführt. Schon seit Wochen gibt es in den Medien kein wichtigeres Thema. Durch den Zensus erhoffen auch die Alteños schon bald konkrete Zahlen zur Stadtentwicklung und daraus resultierende neue Infrastrukturmaßnahmen.

Meine Gastgeber haben sich für die nächsten Tage noch viel vorgenommen. Ich soll möglichst  viel von ihrem Alltag kennenlernen, um mir selbst ein Bild davon zu machen, ob  El Alto tatsächlich immer noch nur eine Stadt des Elends und der Betrüger ist. Immer wieder reden die Menschen in El Alto vom Wandel. Dann, so hofft auch Ela, wird ganz El Alto eine wunderbare, wohlorganisierte, saubere und liebenswerte Stadt sein – so wie jetzt schon ihrer ruhiger und wohlgeordneter Stadtteil, die Ciudad Satelite an der Kante hoch über La Paz.

 

 

 

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