Ein Familienleben im Lichte der Kunst
Feature von Judith Grümmer, ausgestrahlt am 01.06.2012 im Deutschlandfunk

Mit Sechzehn wird Jürgen Hans Grümmer (1935 – 2008) jüngster Meisterschüler an den Kölner Werkschulen, mit Zwanzig gilt er als Geheimtipp der Kunstszene. Mit Zweiundzwanzig hat er Frau und Tochter.

Das Kind atmet Ölfarbe und Basaltstaub, spielt in Baubuden, Werkstätten und Steinbrüchen. Es wächst in einer Künstlerkommune auf und trotz aller Geborgenheit sagt es tatsächlich: „Wenn ich groß bin, werde ich Spießer!“

Denn der früh vom Erfolg verwöhnte Grümmer hält den eigenen Ansprüchen nicht stand. Die Kunst nährt umso mehr Selbstzweifel, je weniger sie die Familie sättigt. Irgendwann kommt der Vater der Familie abhanden. Einzig seine Kunst bleibt ihm, auch wenn niemand sie mehr will.

Zwanzig lange Jahre hört und sieht seine Tochter nichts von ihm. Sie ist Mutter von drei Söhnen, als er wieder auftaucht, und langsam, sehr langsam entdecken Vater und Tochter füreinander längst verloren Geglaubtes: Respekt, Liebe. Nach seinem Tod sieht Grümmers Tochter, dass sein Spätwerk die Trauer um die verlorenen 20 Jahre Gemeinsamkeit spiegelt. Es sind seine stärksten Arbeiten.

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Mosaico Boliviano, Coverabbildung,von Judith Grümmer und Max Steiner.

Als Max Steiner und Judith Grümmer sich entschieden, dieses Buch herauszugeben, um in Alltagsgeschichten den Facettenreichtum Boliviens zu dokumentieren, hatten sie sich zum Ziel gesetzt, der Kraft zu vertrauen, die in leisen, hintergründigen, aber authentischen Zwischentönen ruht. Entstanden ist ein Mosaik aus bolivianischen Begegnungen und Momentaufnahmen jenseits der tagesaktuellen Schlagzeilen, gedacht auch für den geschärften Blick, abseits der Themen, die ein guter touristischer Reiseführer bieten kann.

In einem Spannungsfeld zwischen journalistischer Berichterstattung, eigener Erkundungen junger Freiwilliger im Sozialeinsatz und dem Hintergrundwissen eines eingewanderten Schweiz-Bolivianers, der auch die Schattenseiten seiner neuen Heimat kennen lernte, ist „Mosaico Boliviano“ entstanden: ein Mosaik aus Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken unterschiedlichster Charaktere – so kontrastreich und vielfältig wie auch Bolivien.

„Alles, was Stimme hat, überlebt.“, kommentierte Thomas Alva Edison seine Erfindung der ersten „Sprechmaschine“, des Phonographen. Getreu seinem Motto, hat Judith Grümmer immer wieder Menschen eine Stimme gegeben und dokumentiert, was sie zu sagen haben. Ob hörbar gemacht in Radiobeiträgen oder verschriftet zwischen zwei Buchdeckeln: Die ureigene Authentizität, die Unmittelbarkeit ihres Gegenübers zu wahren, ist für die Herausgeberin ein wichtiges Stilmittel beim Sammeln von Lebensgeschichten und Momentaufnahmen.

Mosaico Boliviano.
Bolivien in Reportagen, Interviews und Momentaufnahmen

Sucre/Köln 2011, 17 x 24 cm, 220 Seiten, zahlreiche farbige, teils ganzseitige Abbildungen, broschiert. Deutsch/Spanisch. ISBN 978-3-00-033447-4. März 2011. [D] 29,80 Euro; [AT] 30,70 Euro; [CH] 49,90 CHF. Hier bestellen…

Mehr unter www.mosaicoboliviano.com

Ein Feature von Judith Grümmer

Fünf Stricknadeln, „cinco palillos“ und etwas Wolle öffnen Türen, lösen Zungen, ermöglichen Nähe ohne große Worte. Sieben Monate lebt und arbeitet die Autorin als Freiwillige in Bolivien, paukt die Sprache, entdeckt das Land und bekommt eine ungeahnte Aufgabe: Dorffrauen bitten sie, ihnen das Sockenstricken zu zeigen. Beim gemeinsamen Nadelspiel wird die Beobachterin zur Sammlerin bolivianischer Alltagsgeschichten.

Ein Jahr später hat der Fortschritt neue Straßen, Internet und Mobiltelefon in die abgelegenen Dörfer gebracht. Es wird investiert, gebaut und verbessert. Die Nachfahren der einstigen Sklaven beginnen die Zukunft Boliviens mit ihrem Wahlrecht, durch Schulbildung, Eigeninitiative und Kreativität zu gestalten.

Zukunftsprojekte, wie das mit gestrickten Strümpfen Minijobs zu entwickeln, gibt es viele. Für ihr Gelingen bitten die Dorfältesten in uralten Ritualen mit Kokablätter und Chicha aus vergorenem Mais um die Gunst von Pachamama. Denn die Mutter der Erde bleibt auch in Internetalter die Beschützerin vieler Bolivianer.

Eine Produktion des Deutschlandfunk 2010

Ein Feature von Judith Grümmer, Westdeutscher Rundfunk, WDR5

Wer Alcalá und El Villar in Bolivien auf der Landkarte finden will, muss schon ganz genau hinschauen. Die beiden Dörfer liegen fünf und sieben Busstunden von der nächsten Stadt entfernt – und sehr weit von der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Hier geht das Leben seinen ganz eigenen Gang, geprägt durch harte Arbeit und viele Feiern. Doch die Menschen träumen nicht nur von einem besseren Leben. Die Aktiven im Dorf setzen der anhaltenden Landflucht tatsächlich etwas entgegen. Und so wächst mit dem allmählichen Fortschritt, mit Elektrizität, Internet und Telefon auch die Überzeugung, dass sie jetzt endlich auch hier die Zukunft Boliviens mit gestalten können.
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2010.

In der Reihe „Erlebte Geschichten“, Westdeutscher Rundfunk, WDR 5
Autorin: Judith Grümmer, Redaktion: Mark vom Hofe

Eva de Vilar hieß noch Kassewitz und war neun Jahre alt, als sie mit ihren Eltern die „Patria“ bestieg, das Schiff, das ausgerechnet auf den Namen „Vaterland“ hörte, mit dem sie Deutschland und Europa nach Bolivien verließ. 1930 in Pforzheim geboren, verlor ihr Vater 1933 aus „Rassegründen“, wie sie sagt, seine Arbeit. In Leipzig an einer israelitischen Schule erhielt er eine neue Beschäftigung. Dort lebte die Familie, bis die Reichskristallnacht 1938 das endgültige Aus bedeutete und Evas Vater verhaftet und für fünf Wochen nach Buchenwald geschickt wurde. Durch glückliche Umstände und über entfernte Familienbande ergab sich die Möglichkeit, nach Bolivien auszuwandern, wo die Familie in Sucre leben und der Vater in einer Möbel- und Zigarrenfabrik Arbeit finden sollte – das Visum betrachtete die Familie trotz der ungewissen Zukunft als eine große Befreiung.
Eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2010.

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