Randnotiz aus Bolivien, 19. und 21. November 2012

Blick über La Paz, von El Alto aus.

Ein letzter Blick zurück auf die verschneiten Berggipfel der Königskordilleren, während der Bus sich die steilen Strassen von La Paz qualmend hinauf quält. Dann eine stundenlange, rasendschnelle Fahrt über die fast topfebene Hochfläche der Anden.

Im letzten Licht der untergehenden Sonne bearbeiten die Bauern ihre winzigen Felder. Postkartenidylle auf dem Altiplano. Jetzt, nach den ersten Regenfällen, können sie endlich mit der Saat beginnen: Kartoffeln, Bohnen, Zwiebeln und Gerste als Beifutter für´s Vieh. Die meisten Kleinbauern beackern hier oben ihr Land von Hand oder mit Hilfe von Ochsen. „Traktoren sind viel zu teuer und hier auf den mageren Böden auch nicht wirklich hilfreich,“ hat Doña Ela mir noch vor ein paar Tagen erklärt. Soweit das Auge reicht wechseln sich – auf 4100 Meter – jene Farben ab, die die brennende Sonne und die monatelange Trockenheit übrig gelassen hat: Ocker, Braun, Schwarz, Mattgelb. Erdtöne in allen Schattierungen.

Entlang der Strasse reihen sich lehmfarbene Hütten und ziegelrote, unverputzte Wohnhäuser, Autowerkstätten, kleine Geschäfte und einfache Übernachtungsmöglichkeiten aneinander. Dazwischen mal eine kleine Schule, mal eine Krankenstation. Aus diesem Einerlei von Naturtönen stechen hin und wieder blau-weiß oder weiß-rot gepinselte Mauern hervor, Werbeflächen für Mobilfunk und Limonade.

Strassenblockaden

Altiplano - Bauerngehöft vor den schneebedeckten Kordilleren

Altiplano – Bauerngehöft vor den schneebedeckten Kordilleren

Nach zwei Wochen in El Alto bin ich jetzt auf dem Weg nach Santa Cruz de la Sierra, in die tropische Wirtschaftsmetropole Boliviens. Normalerweise dauert die Fahrt fünfzehn Stunden. Doch anhaltende Strassenblockaden haben die Busgesellschaft dazu veranlaßt, ihren Fahrplan umzustellen: „Wir werden die „alte Strasse“ quer durch die Berge nehmen müssen,“ wird vor der Abfahrt angekündigt, „um die gut ausgebaute, aber blockierte Fernstrasse zu umfahren.“ Das bedeutet: Neunzehn Stunden Fahrzeit. Aber die Fahrgäste nehmen es gelassen. Jeder, der in Bolivien seinem Protest-gegen-was-auch-immer energisch Ausdruck verleihen möchte und die Gelegenheit hat, eine vielbefahrene Strasse blockieren zu können, der nutzt dieses politische Instrument, um seine eigenen Interessen jenseits demokratischer Mehrheitsbildungen durchzusetzen.

Warum die gut ausgebaute Strecke zwischen La Paz und Santa Cruz zur Zeit blockiert wird? Bei den zahlreichen Blockaden der vergangenen Tage habe nicht nur ich den Überblick verloren. Zur Zeit geht es wohl vorallen um die Arbeitssituation der Lkw- und Bus- und Taxisfahrer, aber auch um Streitigkeiten einzelner Gemeinden bei der kommunalen Grenzziehungen im Vorfeld der Volkszählung. Denn der anstehende Zensus verspricht, je nach Einwohnerzahl, mehr Geld für Infrastrukturmaßnahmen im Gemeindehaushalt.

La Siberia”

Abenddämmerung: Nebel fließt über die Berggipfel von "La Siberia"

Abenddämmerung: Nebel fließt über die Berggipfel von „La Siberia“

Statt also wie geplant über die asphaltierte Strecke 450 Kilometer lang schnurgerade im Andenvorland unterwegs zu sein, superbequem in einem modernen Schlafbus, fahren wir nun in einem kleineren, wendigeren, aber auch rappeligeren Alt-Modell über die unbefestigte, schmale „La Siberia“. Die alte Strassenverbindung zwischen Cochabamba und Santa Cruz wird normalerweise schon aus Sicherheitsgründen vom Fernverkehr nur noch selten befahren. „La Siberia“, schon der Name deutet auf Kälte und Nebel hin. Hier überqueren wir noch ein letzten Mal rund 4000 Meter hochgelegene Bergpässe. Viele fürchten den fast permanenten Nebel, weil hier die kalte Luft des Altiplano auf die tropisch-feuchte Warmluft trifft. Man könnte auch sagen, dass dies das Abenteuer ins fast Unerträgliche steigert. Aber auf jeden Fall gehört diese unbefestigte Alternativstrecke zu den schönsten Panoramastrecken Boliviens.

Durch den Nebenwald von "La Siberia"

Durch den Nebenwald von „La Siberia“

Zunächst kurvt der Bus in tiefer Dunkelheit bergauf und talab. Ab und zu durchfahren wir einige Dörfer und mir fällt auf, dass sie unterdessen alle an die Stromversorgung angeschlossen sind. Es gibt Strassenbeleuchtung und in dem einem oder anderen Haus brennt auch mitten in der Nacht noch Licht. Dann wieder liegen viele Kilometer unbewohnter Dunkelheit vor uns. Dann umspannt ein gigantischer Sternenhimmel den Himmel in einer Pracht, die wir so auf der Nordhalbkugel nicht kennen. Nach und nach schäle ich mich aus meinen Jacken, Pullovern und lege den Schlafsack beiseite. Es wird wärmer, je tiefer wir kommen. Und auch sauerstoffhaltiger.

Als die Sonne um kurz nach halb Sechs aufgeht, sieht die Welt völlig anders aus

Panaramablick über die Andentäler

Beim ersten Morgenlicht stockt mir fast der Atem: Grün, grün, grün, alles ist saftig grün. Und der Fernblick über die schroffen, sich fast bis in die Unendlichkeit aneinanderreihenden Bergketten der „Valles“, der Andentäler, macht fast schwindelig. Auch das Auf und Ab zwischen Gipfeln und Talsohlen. Allerdings bemerke ich jetzt, beim Blick aus dem Seitenfenster, wie oft die Radkästen dieses Busses fast über dem unbefestigten Abgrund hängen. Und wie schmal die Strasse wirklich ist. Und ich erkenne die Kreuze am Strassenrand. Und hoffe, dass wir heil an unserem Fahrtziel ankommen. Zwar ist es auch in Bolivien verpflichtend geregelt, dass die Chauffeure alle vier Stunden eine Pause einlegen müssen, doch der Busfahrer sitzt schon mehr als 12 Stunden hinterm Lenkrad. Und weitere sieben Stunden liegen vor uns. Zwei Pinkelstopps am Strassenrand, (die Damen müssen ungeniert unter den Blicken aller in die Hocke gehen), keine Kaffeepause. Für die Fahrgäste gibt es vier Kinofilme auf den buseigenen Fernsehmonitoren. Der Busfahrer kaut Kokablätter. Die halten wach. Das muss reichen.

Ein wunderbares Land der Extreme – touristisch betrachtet

Blick vom 5300 m hohen Chacatalla. So hoch hinaus kann man in Bolivien mit dem Auto kommen.

Blick vom 5300 m hohen Chacatalla. So hoch hinaus kann man in Bolivien mit dem Auto kommen.

Bolivien ist ein Land der geographischen, klimatischen und sozialen Gegensätzlichkeiten. Das erspürt im wahrsten Sinne des Wortes jeder, der durch dieses faszinierende Land reist.

Das Altiplano: Karg, oft eiskalt und dennoch sonnenverbrannt, trocken, fast feindlich allen Lebewesen gegenüber, die sich nicht schon seit Jahrtausenden angepaßt haben, um hier zu überleben.

Der Salar de Uyuni. Mittendrin die Insel Incahuasi (quechua für Haus des Inka), auf der tausendjährige Kakteen wachsen.

Ein Land der Superlative: Mit dem größten Salzsee der Welt, dem Salar de Uyuni. Auch den höchstgelegensten Binnensee teilt sich Bolivien mit Peru, den Titicacasee. Wer will, kann mit dem Taxi auf den Chacatalla fahren und aus 5300 Meter Höhe über die Königskordilleren und das Altiplano schauen. Oder auch ohne bergsteigerische Erfahrung, aber mit guter Höhenanpassung, den etwas über 6000 Meter hohen Huayna Potosí besteigen.

Die letzte andine Hügelkette, nordöstlich von La Paz, danach beginnt das Amazonas-Tiefland.

Dreieinhalbtausend Höhenmeter tiefer als das Altiplano und oft mehr als 35 Grad Celsius wärmer: Das immerfeuchte, fruchtbare bolivianische Tiefland in tropisch-üppigem Grün. Hier behaupten die Menschen ganz kokett von sich selbst, „flojos“, also Faulenzer zu sein, denen die Früchte in den Mund wachsen. Hier lebt sich mit der sprichwörtlichen Leichtigkeit des Seins statt mit der Mühsal und Plackerei des Hochlandes. Dazwischen die Gemüsekammern Bolivien: die fruchtbaren Täler der Anden, in denen die köstlichsten Früchte und Gemüse gedeihen. Und wer noch mehr von Bolivien Vielfalt kennenlernen möchte, der kann auf den Oberläufen des Amazonas durch einen vergleichweise unberührten Regenwald paddeln oder sich auf das Abenteuer einlassen, die artenreiche Pampa in Begleitung geschulter Einheimischer zu erkunden. Mit Krokodilen, Piranjas, Süßwasserdelfinen, mit Affen, Papageien, Schlangen und und und…

Auf dem Weg zur Mehrklassengesellschaft

"Unten in der Tiefe von La Paz leben die Reichen, oben auf dem Altiplano die Armen." - dieser Spruch gilt seit kurzem nicht mehr.

„Unten in der Tiefe von La Paz leben die Reichen, oben auf dem Altiplano die Armen.“ – dieser Spruch gilt seit kurzem nicht mehr.

Im Gegensatz zu diesen landschaftlichen und klimatischen Kontrasten, sind die sozialen Ungleichheiten im Land längst nicht mehr so krass wie noch vor wenigen Jahren: Die Zweiklassen-Gesellschaft Boliviens ist dabei aufzubrechen. Eine aufstrebende, größtenteils indigene Mittelschicht verändert das Land. Insbesondere in El Alto und den Bergbaustädten Potosí und Oururo gibt es inzwischen sogar eine originäre, reiche Oberschicht aus Minenarbeitern, Händlern und Unternehmern, die mit schicken Autos, großen Häusern und goldfunkelnden Zahnreihen ihren Erfolg nach außen trägt. Und weil das Elend auf dem Land früher besonders extrem war, hat der seit sechs Jahren regierende Präsident Boliviens Evo Morales, aus dem Volk der Aymara, zunächst vorallem die Entwicklung der ländlichen Regionen vorangetrieben: Mit einer flächendeckenden Stromversorgung, Trinkwasser, Telefon, Internet und vorallem mit einem gigantischen Strassenbauprogramm. Auch die Gesundheitversorgung auf dem Land hat sich verbessert, ebenso wie die schulischen Angebote.

El Alto im Rückblick

Abschiedsessen in der Gastfamilie

Nach meinen Abschied von Doña Ela und ihrer Familie und meinen Versprechen, irgendwann wieder zu kommen, habe ich im Bus nun viel Zeit, meine neuen Eindrücke aus dem Hochland zu sortieren: Ist El Alto tatsächlich (noch) die Elendsstadt, als die sie beschrieben wird: Die „schmutzige, arme Schwester“ von La Paz?

Einzig die Kälte auf 4100 Höhenmetern, das ungeheizte Häuschen und die nur minimal temparierte Dusche haben mir zu schaffen gemacht. Die sieben Wolldecken auf meinem Bett waren in den Nächten allerdings auch bitternötig. Luxusprobleme. Ansonsten habe ich in den knapp zwei Wochen viel erlebt und gesehen, was mich berührt, erstaunt, bereichert hat: Die Herzlichkeit von Doña Ela und die Selbstverständlichkeit, mit der sie mich in ihren Alltag aufgenommen hat. Die kleinen Einblicke in die Gesellschaft der Aymara, deren Treffen und Ritualfeiern ich beiwohnen durfte. Die Gespräche mit den Amautas, den geistigen Anführern der Aymara-Gesellschaft, über deren Denkweise ich mehr erfahren durfte. Und die langen Fußmärsche über Land, als ich mit Doña Ela die Dörfer ihrer Vorfahren oder das verwaiste Haus ihres Vaters besuchte.

Die Küche im Haus ihres verstorbenen Vaters. Hier möchte Doña Ela eines Tages vielleicht wieder leben. „So wie meine Vorfahren: Ruhig und bescheiden,“ sagt sie.

Gemeinsam haben wir den Bauarbeitern draußen in der Einöde warmes Essen und Koka vorbeigebracht. Sonst hätten sie sich nur mit Koka durch den Tag gebracht, um weiter an dem von Doña Ela betreuten Bau-Projekt weiterzuarbeiten, einem Versammlungshaus für die Landfrauen der Umgegend. Gemeinsam haben wir Wasser und Steine geschleppt, wobei meine Mitarbeit wohl vorallem als symbolische Solidaritätserklärung einer Gringa aus Alemania willkommen war. Zusammen haben wir die Märkte der berüchtigten „La Ceja“ abgeklappert und dann gekocht.

El Alto – Abends sitzen wir in warmen Decken gehüllt zusammen ich zeige, wie man mit einem Nadelspiel Socken stricken kann. „Sin Costura.“ Ohne Naht!

Und abends mit ihren Schwestern und Freundinnen zusammengesessen. Tag für Tag brachte Doña Ela mir „ihr El Alto“ näher, diese in wenigen Jahrzehnten entstandene indigene Millionenstadt, die nur wenig mit dem zu tun hat, was beispielsweise bei Wikipedia geschrieben steht.

Fußgänger plus Verkaufsstände plus Strassenverkehr gleich: tagtäglicher Stau bis zum Geht-nicht-mehr.

Wir sind immer noch viel zu wenig und zu schlecht organisiert in dieser Stadt,“ hat Doña Ela auf ihren Gängen durch die Strassen El Alto immer wieder geschimpft. „Die Müllabfuhr schafft ihre Arbeit nicht. Auch, weil die Menschen einfach allen Dreck auf die Strasse werfen.“ Und tatsächlich sehe ich mit eigenen Augen nicht nur Berge von Plastikmüll, sondern auch, wie manche Autowerkstätten das Altöl einfach in den Boden laufen lassen. Oder in die Kanäle.„Die Marktfrauen und Händler verstopfen mit ihren ausgelegten Waren die Fahrwege und verursachen so ein unvorstellbares Verkehrschaos, dem auch die Stadtverwaltung immer noch tatenlos gegenübersteht,“ höre ich immer wieder von anderen alteingesessene Minenarbeiterfamilien in El Alto. Sie kritisieren die später hinzugezogenen Bauern- und Händerfamilien als unerzogen und rücksichtslos. Trotzdem habe sich die Stadt in den letzten Jahren weiterentwickelt. „Denn alle Stadtteile sind ans Stromnetz angeschlossen. Aber es kommen fast täglich neue Menschen hinzu, die sich ein freies Stück Land abstecken, um dort neue Lehmhütten oder Steinhäuser zu bauen! Und so schnell können die fast über Nacht neu entstehenden Wohngebiete nicht urbanisiert werden.“

Gemeinsam für eine bessere Zukunft”

El Alto ändert sich!“ Unter diesem Motto werben die Fernsehkanäle in El Alto, ebenso wie die anderer Städte und Regionen des Landes dafür, dass die Zukunft gemeinsam in die Hand zu nehmen haben. Alteingesessene und Neuankömmlinge. „El Alto ändert sich!“ deklamieren die Fernsehprogramme täglich aufs Neue. In kleinen und wirklich gut gemachten Werbefilmchen versuchen die Medien aufzuklären und zu erziehen: Dass Müll die „Mutter Erde“ vergiftet, beispielsweise. Oder, dass Diskrimination verboten ist. Auch dies ein Medienthema, das in einer Deutlichkeit formuliert wird, wie ich es auch aus Deutschland nicht kenne. Homosexuelle, Transsexuelle und Transvestiten, Behinderte, Schwarze, Weiße, Originäre, egal welcher Religionsangehörigkeit, egal mit welchem Bildungsabschluss, ob arm oder reich, ob Mann oder Frau oder Kind – so heisst es – alle Bolivianer haben die gleichen Rechte und dürfen nicht diskriminiert werden.

Deine Antwort zählt.“

Doch das wichtigste Thema in diesen Tagen ist die für den 21. November geplante Volkszählung. Denn der aktuelle Zensus soll endlich darüber Klarheit schaffen, welche Entwicklungsschritte als nächstes wichtig sind.

Deine Antwort zählt. Öffne deine Türen dem Zensus.“ Seit Wochen wirbt die Regierung für diese anstehende Volkszählung. Endlich soll Gewissheit herrschen, wieviele Einwohner Bolivien denn nun wirklich hat. Die acht Millionen, die zuletzt vor elf Jahren gezählt wurden, sind schon längst nicht mehr aktuell. Denn vor dem „Wandel“, also in der Zeit vor dem ersten indigenen Präsidenten, hatten viele Originäre keinen Sinn darin erkennen können, sich überhaupt registrieren zu lassen.

Das Leben in Bolivien wird dann rund anderthalb Tage stillstehen: Mit strengem Ausgangs-, Reise- und auch Alkoholverbot. Schulen, Universitäten, Geschäfte, Büros, alles wird geschlossen bleiben. 49 Fragen sind dann zu beantworten. Es geht nicht nur um die aktuelle Bevölkerungszahl, sondern auch um Wohn- und Lebensbedingungen in Bolivien. Die Fragen drehen sich um die Beschaffenheit der Wohnräume, um die sanitären Verhältnisse, um Energieversorgung und Müllentsorgung. Es wird nach den Einkommensverhältnissen gefragt werden, nach Aubildungsniveau und Beschäftigungsverhältnis, nach Gesundheit, Zugehörigkeitsgefühl, aber nicht nach der Religion. Die Fragebögen gibt es seit Tagen für einen Boliviano zu kaufen. Oder auch im Internet.

Santa Cruz. Zwei Tage später

21. November 2012, ein Mittwochnachmittag inmitten der Millionenstadt Santa Cruz.

Es herrscht tiefe Stille in der sonst so lebendigen tropischen Metropole Santa Cruz. Werden zwei Millionen Einwohner erfasst werden? Oder mehr? 2001 wurden in Santa Cruz etwas mehr als eine Millionen Menschen gezählt. Und wieviele leben im Vergleich dazu heute in El Alto und La Paz? Von den Antworten werden die zukünftigen Infrastrukturmaßnahmen abhängen.

Die absolute Ausgangssperre für 24 Stunden wird von den Menschen sehr ernst genommen. An unserer Tür klebt seit 11:15 Uhr das kleine Schild: „Vivienda censada“.

Dieses Haus ist erfasst: „Volkszählung 2012“

Die 49 Fragen haben wir alle beantwortet… auch ich als Ausländerin und Gast. Denn alle, die sich an diesem 21. November in Bolivien befinden, selbst jene am Flughafen, werden statistisch erfasst und befragt. Es wird wohl einige Monate dauern, bis die aktuellen Zahlen auf dem Tisch liegen. Aber ganz sicher wird sich die rasante Entwicklung Boliviens dann auch Schwarz auf Weiß belegen lassen.

Linea 51 in Santa Cruz

Randnotiz aus Bolivien. 12.Oktober 2012.

Mit weit ausgebreiteten Armen klebt „El Señor“, die Christusfigur, an der Frontscheibe und das ist auch gut so, denke ich, denn ein bisschen himmlischer Schutz ja kann nie schaden. Der „Micro“, den ich an der Avenida Alemana mit einem leichten Handwinken angehalten habe, fährt direkt ins Stadtzentrum. Wo ich aussteigen muss, um an die Plaza Principal zu gelangen, werde ich später genauer erfragen, denn es bleiben noch mindestens zwanzig Minuten Fahrzeit. Festgelegte Haltestellen, wie wir sie kennen, gibt es im bolivianischen Stadtverkehr nirgends. Es reicht ein deutliches „¡Pare!“ (Halten) oder „¡ La proxima esquina!“ (an der nächsten Ecke – bitte), um überall aussteigen zu können.

Alle fünfzehn Sitzplätze im Kleinbus sind schon dicht besetzt. Aber für meine knapp 165 Höhenzentimeter gibt es einen Stehplatz direkt hinter dem Fahrer. Mit der Linken an die Haltestange geklammert, rückseitig an der Rücklehne des Beifahrersitzes abgestützt, kann ich mich soweit zusammenfalten, dass ich nicht mit dem Kopf gegen das Busdach knalle. Ein wirklich komfortabler Platz! Kommunikativ ist er außerdem, denn meine Aufgabe bis zum Ausstieg wird es sein, mit meiner freien rechten Hand immer wieder die Zweipesosmünzen (= 2 Bolivianos) der Hinzusteigenden an den Busfahrer weiterzureichen und das Wechselgeld dann nach hinten zurückzugeben. 1,80 Bs kostet die Fahrt für Erwachsene, 1 Bs für Schüler und Studenten. Ungefähr 8 Bolivianos sind 1 Euro.

Zwischendurch bleibt Zeit, mich umzuschauen: Neben dem Busfahrer beispielsweise sitzt eine junge Frau, die den Fahrgästen fettgebackene Salteñas (Teigtaschen) zum Verkauf anbietet. Den Korb mit den gefüllten Backwaren, mit Plastikflaschen voller Majonäse, Ketchup, Senf und bereitliegenden Papierservietten hält sie zwischen die Knien geklemmt. Das Kind neben ihr schlürft aus einem durchsichtigen Plastiktütchen Mocochinchi, ein süsses Saftgetränk aus getrockneten und anschließend gekochten Pfirsichen. Dort, wo die Fahrt ins Stocken gerät, können sich die Fahrgäste auch Nüssen, Chips oder Getränken gegen kleine Münze durchs offene Fenster reichen lassen.

Die geöffneten Fenster sorgen außerdem dafür, dass es trotz 35 Grad warme Frühlingsluft im Bus gut zirkulieren kann. Tropikale Schönheiten, tiefdekoltiert und aufwendig geschminkt, tippen in ihre Mobiltelefone und bekreuzigen sich in Höhe jeder Kirche, an der wir vorbeikommen. Junge Mädchen mit langen Zöpfen und traditionellen Faltenröcken, wie sie die Indígenas im westlich kühleren Hochland tragen, beladen mit Kleinkindern und schweren Einkaufstüten, schauen schweigend nach draußen. Eine junge Mutter mit dem faltenzerknitterten Gesicht einer Greisin stillt ihr Baby.

Dass im Bus vorwiegend Frauen mit Kindern unterwegs sind, mag daran liegen, dass gerade ein wichtiges südamerikanisches Vorauswahlspiel zur Fußballweltmeisterschaft zwischen Bolivien und Peru stattfindet. Die Cafés und Restaurants, aber auch viele Geschäfte, an denen wir vorbeifahren, sind bis weit auf den Bürgersteig hinaus von Zuschauern eng umrundet: denn dort gibt es kostenloses Fernsehen für alle.

Dass für viele indigene Bolivianer heute außerdem ein besonderer Feiertag ist, davon ist im Zentrum von Santa Cruz nichts zu spüren. Vielleicht draußen in den Armenvierteln der Stadt? In La Paz, dem bolivianischen Regierungssitz hoch oben in den Anden, wird heute auf jeden Fall gefeiert, so lese ich in der Zeitung. Dort erinnert der Vielvölkerstaat Bolivien heute mit einem rituellen Festakt an die lange verdrängte Geschichte von Eroberung, Kolonialismus und Ausbeutung des Landes.

Vor einem Jahr hatte Evo Morales, der erste indigene Präsident des Landes, den 12. Oktober – bisher von der weißen Oberschicht stolz als „Kolumbus-der Entdeckertag“ gefeiert – zum „Tag der Entkolonisierung“ umgewidmet und dazu sogar ein eigenes Vize-Ministerium, zur Rückkehr an die originären Wurzeln der ursprünglichen Einheimischen, in seiner Regierung eingerichtet.

An diesem Freitagnachmittag hält sich das Verkehrschaos in der Zweimillionenstadt noch in Grenzen. Rumpelt, wankelnd und mit bewundernswerter Behendigkeit kommt der Bus voran. Zweispurige Strassen werden mindestens in Dreierreihen befahren. An Ampeln wird durchaus auch mal angehalten. Und als eine Ambulancia mit lauter Sirene auf sich aufmerksam macht, schaffen es die Autofahrer tatsächlich eine „vierte“ Spur freizumachen, um den Krankenwagen zügig durchzulassen.

Es gibt keine kommunalen Verkehrssysteme in Bolivien, so wie wir sie in Europa kennen. Taxis, Micro-Busse und Trufis (Gemeinschaftstaxi) ermöglichen den öffentlichen Nahverkehr. Dazu kommt die rapide steigende Anzahl von Privatautos für den Individualverkehr. Und weil in Santa Cruz viele, viele Taxis und Autos mit Gas fahren, ist die Luft hier noch erträglich. Anders als in La Paz beispielsweise, wo gasbetankte Fahrzeuge die steilen Strassen niemals hochschaffen würden.

Und, auch anders als in anderen bolivianischen Städten, Santa Cruz hat das verkehrstechnische Glück, dass um das historische Zentrum herum die neuen Stadtviertel im wahrsten Sinne des Wortes Ring um Ring erweitert wurden. So ist Santa Cruz in den letzten 50 Jahre um sieben, acht Ringe angewachsen und durch so viele Ausfallstrassen nach außen und sternförmig verbunden, dass der Verkehr angesichts der Masse noch erstaunlich gut fließen kann.

Auf diesen „anillos“ wiederum sorgen die sogenannten Trufis und Kleinbusse im kürzesten Minutentakten für einen erstaunlich gut funktionierenden öffentlichen Personennahverkehr. Vorausgesetzt, man läßt sich auf diese kleinen, oft gammeligen, schrottigen Fahrzeuge ein. Schließlich sind aber nur diese für die Mehrheit bezahlbar. Eine Fahrt beispielsweise von einem Ende der Stadt bis zum anderen kostet circa -,25 Eurocents. Ein solches sich „rum-fahren-lassen“ allerdings können sich die privilegierten Cruzeños nicht vorstellen und setzen auf den eigenen vierradangetriebenen Geländewagen, für ihre Kinder gar oft mit privatem Fahrer.

„¡Pare por favor!“ Es klappt. Der Kleinbus hält an. Hilfsbereit weisen mir die anderen Fahrgäste noch die Richtung. Gleich werde ich irgendwo im Schatten auf der Plaza sitzen und einen kleinen süssen Kaffee trinken.

Zur Zeit bereite mich in Santa Cruz de la Sierra auf meine Recherchereise durch Bolivien vor. Geplant ist ein längerer Aufenthalt in „El Alto“, der andinen „Schwesterstadt“ von La Paz, in der in 4100 m Höhe unterdessen fast eine Millionen Indígenas leben. Ausserdem werde ich mich auf die Spuren der Jesuiten begeben, die 1690 bis 1767 zahlreiche Missionen in der bolivianischen Chiquitania gegründet haben. Bis heute haben viele Traditionen hier überlebt, wie beispielsweise die Barockmusik. Natürlich zieht es mich auch die Andendörfer, in denen ich die letzten Male gelebt habe. Dort, ebenso wie in El Alto, werde ich mein „Sockenprojekt“ weiterführen. Gerne halte ich Sie auf dem Laufenden: In unregelmäßigen Abständen werde ich bis Ende 2012 „Randnotizen aus Bolivien“ schreiben:

Erste Randnotiz aus Bolivien: Santa Cruz de la Sierra, 30. September 2012

„Es ist fast unglaublich, wie schnell die Stadt wächst,“ staunt selbst meine bolivianische Freundin. Sie kann kaum noch den Weg zu unserem Ausflugslokal auf der anderen Seite des Río Piraí finden. Obwohl sie doch hier schon seit Jahren immer wieder offroad unterwegs ist! „Alles sieht anders aus als noch vor Monaten“, sagt sie – und ich denke: „Unglaublich, vor vier Jahren bin ich hier durch die tropische Einsamkeit gefahren.“ Zur Zeit wird die staubige Piste gerade verbreitert und befestigt. Rechts und links von uns umschließen hohe Mauern neue Siedlungsanlagen für die wachsende Mittelschicht. Denn hier am Fluß ist ein herrlicher Platz für jene, die sich diese beschützte Modernität im Grünen leisten können.

Santa Cruz ist die neue Wirtschaftsmetropole im tropischen Tiefland Boliviens, seitdem hier in den 1950er Jahren die zweitgrössten Erdgasvorkommen Südamerikas gefunden wurden. Aber im Gegensatz zu früher erreicht der wachsende Wohlstand in den letzten Jahren endlich auch die indigene Mehrheitsbevölkerung. Warum? Weil der Gewinn aus dem natürlichen Reichtum des Landes nicht mehr im Ausland verschwindet. Das ist jetzt natürlich sehr vereinfacht ausgedrückt, wird aber auch von Kritikern der 2006 demokratisch gewählten und indígen geprägten Regierung nicht geleugnet. „Der Bettler auf dem Silberthron“, wie Bolivien als das ärmste Land des südamerikanischen Kontinents bislang genannt wurde, ist auf dem besten Weg sein Lumpenhemd abzulegen. Dank seiner Bodenschätze und eines zumindest zur Zeit vielverprechenden Wirtschaftsmodells aus staatlicher, gemeinschaftlicher und privatwirtschaftlicher Ökonomie unter sozialer Kontrolle, so wie es seit 2009 in der neuen Verfassung festgeschrieben ist.

Auf dem Weg zu unserem Sonntagsrestaurant ist genau diese Entwicklung auch für mich deutlich im Stadtbild abzulesen: Wo sich vor einigen Jahren noch Slums, in immer neuen Ringen, ums Stadtzentrum legten, da stehen heute Steinhäuser. Wo noch vor Jahren Müll und Schrott die Strassenränder bedeckte, sind die Gehwege längst gepflastert und unvergleichlich viel sauberer. An den Ausfallsstrassen haben viele Zuwanderer, die vom Land in die Stadt abwanderten, tatsächlich eine wirtschaftlich bessere Zukunft gefunden und kleine Gewerbe gegründet.

Hier, wo Staat und Kommune nicht lenken und vorgeben, da ist es der Eigeninitiative dieser Menschen und der Unterstützung nichtstaatlicher Organisationen zu verdanken, wenn sich Slums in vitale Stadtteile weiterentwickeln. Mit Elektrizität, Wasser, Abwasser, mit Handel und Gewerbe. Wer es sich leisten kann, stockt sein ebenerdiges Haus nach und nach auf. Erste kleine Schulen entstehen. Krankenstationen. Danach bringen die Investoren auch irgendwann Einkaufszentren und immer grössere Gewerbegebiete auf den Plan. Und weil Santa Cruz unaufhörlich weiterwächst, errichten immer neue Zuwanderer mit ein paar Brettern und Blechen ein erstes Dach über ihrem Kopf. Dort, wo noch vor Monaten einfach nur nichts war.

Santa Cruz de la Sierra – acht Jahre nach meinem allerersten Besuch ist die Dynamik dieser Stadtentwicklung für mich fast nicht zu begreifen. Die Bilder von Trostlosigkeit und Elend, mit denen wir Europäer den Begriff „Slum“ verbinden, sind hier, wenn überhaupt, nur für eine kurze Entwicklungsphase zutreffend. Als Übergangsphase, bevor Zuversicht, Fleiss und Improvisationstalent viele Bewohner voranbringt.

Das Sonntagsausflugsrestaurant am Rande der Stadt ist erreicht. Vielleicht werden wir schon das nächste Mal hier so ankommen wie in den meisten deutschen Auslugslokalen auch: weder durchgerüttelt noch eingestaubt. „La Rinconada“ ist ein Freizeitparadies in üppig blühender Parklandschaft. Mit Planschbecken und Spielgeräten. Mit einem reichhaltigen Büffet regionaler Köstlichkeiten. Danach dann im Schatten der Bäume Siesta machen oder die Goldfische im Teich füttern, das kann eine Familie mit dem nötigen Kleingeld sonntags in Santa Cruz glücklich machen. Und von denen gibt es hier keineswegs weniger als noch vor Jahren.

Alle  „Bolivianischen Randnotizen“ aus 2012

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